Kulturelle Vielfalt: Eine Aufgabe für das Internet?

von Hauke Fuss, veröffentlicht am 15.01.2008

Die Frage, ob das Internet die Wahrung kultureller Vielfalt katalysiert, ist nicht leicht zu beantworten. Fakt ist jedoch, dass sich auch die Internetnutzer primär dem Mainstream widmen und sich somit die Problematik der Bewahrung der kulturellen Vielfalt durch das Internet nicht sonderlich verändert hat.

Dem Schutz der kulturellen Vielfalt dient das UNESCO-Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen vom 20. Oktober 2005. In Deutschland führt dieses Übereinkommen bisher ein Schattendasein.

Am 14. Januar 2008 hat Prof. Toshiyuki Kono von der Kyushu Universität in Fukuoka/Japan an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster einen eindrucksvollen Vortrag über die staatlichen Eingriffsmöglichkeiten zur Erhaltung der nationalen Kultur gehalten. Als staatliche Regulierungsinstrumente nannte er vor allem die Einführung einer Quote und die finanzielle Förderung der nationalen Kulturszene.

Muss Deutschland mehr Anstrengungen zur Erhaltung der nationalen Kultur unternehmen? Kann das Internet die Bewahrung von Kleinkulturen, die sich von externen kommerziellen Kulturinnovationen überschwemmt sehen, lösen? Muss deshalb staatlicherseits gefördert werden?

Der Beitrag von Prof. Dr. Thomas Hoeren "Rechtliche Fragen der Einführung einer Hörfunkquote zu Gunsten neuer deutschsprachiger Musiktitel" (MMR-Beilage 8/2003, 1 ff.) greift genau diese Problematik auf.

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7 Kommentare

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Die Wirkung des Unesco-Übereinkommens zum Schutz der Kultur muss doch stark bezweifelt werden, da das Übereinkommen schon bei der Definition von Kultur scheitert.

Nach Art. 4 II beziehe sich kultureller Inhalt auf die symbolische Bedeutung, die künstlerische Dimension und die kulturellen Werte, die aus kulturellen Identitäten entstehen oder diese zum Ausdruck bringen.

Diese Definition ist geradezu ein Indiz für den fortgeschrittenen Kulturverlust und die Kulturentfremdung unserer Gesellschaften.

Ob die Einführung von Quoten für nationale Medien dabei helfen kann, ist auch mehr als zweifelhaft, da die Kulturendurchmischung eben auch in den nationalen Medien nicht aufzuhalten ist.

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"Fakt ist jedoch, dass sich auch die Internetnutzer primär dem Mainstream widmen und sich somit die Problematik der Bewahrung der kulturellen Vielfalt durch das Internet nicht sonderlich verändert hat."

Das klingt sehr "faktisch". Gibt es dafür irgendwelche Belege, Daten, Studien? Was bedeutet in diesem Zusammenhang "mainstream"? Sind damit bestimmte Inhalte gemeint?

Erleuchtung höchst willkommen! : )

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Gibt es dafür irgendwelche Belege, Daten, Studien?

Die gibt es, allerdings belegen die das Gegenteil - das Internet fördert Vielfalt jeder Art. Ausführlich dazu Anderson, The Long Tail - Nischenprodukte statt Massenmarkt, Hanser Verlag 2007

(oder auch Laura Dierking, Simon Möller, MMR 07, 426 ff.)

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Hallo Herr Möller,
Sie haben mich da berechtigterweise auf dem "falschen Fuß" erwischt. Dass das Internet allein durch die Schaffung billiger Publikationsmöglichkeiten für jedermann eine Möglichkeit gerade auch für Minderheiten schafft, sich medial in Szene zu setzen ist und bleibt unbestritten. In dem Vortrag von Prof. Kono kam jedoch deutlich zum Ausdruck, dass sich die Internetnutzer beim Herunterladen von Filmen oder von Musik primär Zugang zu solchen Titeln verschaffen, die auch in der Beliebtheitsskala der übrigen Verbreitungsmedien an oberer Stelle stehen.
Die breite Bevölkerung hat durch das Internet somit natürlich Zugang zu kulturellen Informationsangeboten, die vorher keine Chance hatten, wahrgenommen zu werden. Die Frage ist aber, ob sie diesen Zugang auch nutzt.
Viele Grüße
Hauke Fuß

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Das sehe ich genauso wie Sie, Herr Fuss. Die Frage ist doch wirklich, ob die breite Bevölkerung den Zugang zu den kulturellen Informationsangeboten wirklich sucht. Die Long Tail Theorie geht davon aus, dass das Internet vielfältige Möglichkeiten bereit hält, um Inhalte zu finden und gezielt zu suchen. Die Erfahrung zeigt aber doch, dass Nutzer sich nicht an Suchergebnissen aus dem gesamten WWW orientieren, sondern sich eher auf die Reputation einzelner Anbieter verlassen und gezielt bei den ihnen bekannten Anbietern die gewünschten Inhalte konsumieren. Damit ist aber nicht sichergestellt, dass der Kunde eine gute Qualität erhält. Es ist zwar vorstellbar, dass schlechte Qualitäten durch gute Qualitäten verdrängt werden. Allerdings muss an dieser Stelle das Argument miteinbezogen werden, dass Nutzer gerade auf Grund der hohen Anzahl der Angebote im Internet oftmals mit Inhalten von geringer Qualität konfrontiert werden.

Außerdem finden insbesondere Inhalte, von denen negative gesellschaftliche Effekte ausgehen, mit dem Internet eine geeignete Verbreitungsbasis. Beispiele sind Gewalt und Kriminalität in diversen Ausprägungsformen.

Schließlich darf nicht übersehen werden, dass auch viele Internetanbieter ihre Inhalte primär für das Massenpublikum ausrichten, um einem werbefinanzierten Geschäftsmodell Rechnung zu tragen.

Thorsten Ricke

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Es war gar nicht meine Absicht, sie auf dem falschen Fuß zu erwischen, und ich meine auch, dass ich das getan habe. Letztlich stimmt doch beides: Einerseits fördert das Internet die Vielfalt - andererseits bezweifelt auch Anderson in seiner "Long Tail"-Theorie nicht, dass sich die Mehrzahl der Konsumenten weiterhin am Mainstream orientiert.

Das Thema ist äußerst vielschichtig, und in vielen Bereichen fehlen noch echte Daten aus der Medienforschung. Welche Auswirkungen die Long-Tail-Entwicklung auf Bereiche wie das Urheberrecht (Anderson verknüpft die Long-Tail-Idee mit Creative Commons) oder Rundfunkrecht haben wird, ist noch nicht abzusehen.

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