Nicht nur für's Famlienalbum: Abfotografiert von Google Street View

von Dr. Michael Karger, veröffentlicht am 18.07.2008

So schnell kann’s gehen: Noch beim Frühstück lese ich in der Zeitung, dass in Deutschlands Großstädten geheimnisvolle schwarze Kleinwagen mit Kamera-Aufbauten auf dem Dach gesichtet wurden. Google lässt für sein Google Street View ganze Straßenzüge abfotografieren, die wohl demnächst online bei Google Earth von Nutzer abgefahren werden können. Der virtuelle Spaziergang durch San Francisco oder New York ist ja schon jetzt möglich.

Mittags am selben Tag passiert es dann: Ehe ich mich versehe und in Deckung gehen kann, fährt einer der schwarzen Wagen (recht schick, sogar mit Google-Logo) langsam an mir vorbei und vermutlich bin ich jetzt abgelichtet und bereits digitalisiert. War ich korrekt gekleidet? Was hatte ich in der Hand? Wer war in meiner Begleitung? Solche Fragen wird sich so manche(r) in einer vergleichbaren Situation stellen. In den USA hat es so einige Passanten bereits in denkbar unglücklichen Situationen erwischt, wie man bei den über Spiegel Online Netzwelt abrufbaren Bilderstrecken gut sehen kann.

Google beeilt sich mittzuteilen, dass man Gesichter selbstverständlich unkenntlich machen kann. Doch offenbar setzt das voraus, dass der oder die Betroffene aktiv wird und sich diesbezüglich an Google wenden muss. Und auch dann geht nicht alles glatt. Wenn man einem Bericht von Spiegel Online glauben darf, wurden bei Aufnahmen im New Yorker Central Park bizarrerweise die Gesichter von Joggern nicht anonymisiert, dafür aber das Antlitz eines Pferds.

Während manche Online-Autoren meinen, man müsse das Thema Google Street View und Datenschutz „mit Humor“ nehmen, macht sich der Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar wohl zu Recht Sorgen über die immer umfassendere Ausleuchtung persönlicher Lebensumstände. Denn die User von Google Earth können sich per Google Street View bald umfassendere Geodaten von Objekten beschaffen und hieraus Rückschlüsse auf die Bewohner ziehen. Schaar fordert deshalb auch eine gesetzliche Regelung, die die Einwilligung der Betroffenen in die Verwendung von Geodaten vorsieht. Doch wie soll das in der Praxis gehen? Ist das Photo einer Hausfassade schon ein personenbezogenes Datum? Das Street View Konzept von Google wäre dann wohl ernsthaft in Frage gestellt.

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9 Kommentare

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Hallo!

Ich glaube weniger, dass Google mit ihrem Street view wirklich Daten sammelt, die sie für ihr Marketing-Konzept nutzen können. Es dient wohl viel mehr dazu, Google noch populärer zu machen. Jeder spricht von google, alle anderen Suchmaschinen werden immer uninteressanter. Google steht für neue Ideen. Der einzige Wermuthstropfen ist eben, dass Google die Gesichter nicht von sich aus unkenntlich macht. Wenn sie das noch machen würden, wäre Street view doch rundrum eine schöne Sache.

Just my 2 cents!
Udo.

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Lieber Udo,

ich stimme Ihnen völlig zu, was die Innovationsideen von Google anbelangt. Hier kann derzeit wohl kein anderes Unternehmen mithalten. Auch Street View ist für sich gesehen ein tolle Sache. Street View spart Zeit und Wege, man müsste sonst ja selbst hinfahren. Vielleicht nimmt Google das Thema "Gesichter" auch früher oder später ernst und anonymisiert diese von vorneherein automatisch, dann gäbe es einen Kritikpunkt weniger. Softwareseitig sollte das kein Problem sein. Was aber wohl weiter Sorgen bereitet ist die mögliche Verknüpfung der Geodaten mit anderen personenenbezogenen Daten, die bei Google auch gespeichert werden. Durch eine Profilierung für ein Unternehmen "gläsern" zu werden - das will wohl keiner wirklich.

Beste Grüsse
Michael Karger

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Neuigkeiten in Sachen Streetview: In Schleswig-Holstein prüfen laut Medienberichten verschiedene Kommunen ein entsprechendes Verbot bzw. die Versagung einer Sondernutzungserlaubnis für Google, siehe etwa beim Heise Newsticker.

[EDIT]: Das nördlichste deutsche Bundesland hat sich erfolgreich gewehrt, denn Google hat gegenüber Thilo Weichert vom ULD seine Kapitulation erklärt - vorerst.

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Ich denke, dass man bei der ganzen Diskussion den Willen der Masse übersieht, wie leider so häufig trotzdem wir in einer Demokratie leben. Eine handvoll Datenschützer dominieren die Presse-Berichterstattung, aber was die Menschen wirklich wollen, wird nicht erwähnt. Ein gutes Beispiel dafür, wie gut StreetView in Wirklichkeit bei der Bevölkerung ankommt ist das Lifelog- und Tagebuch-Portal annoknips.com. Es ist seit fünf Monaten online. User haben in diesen fünf Monaten bereits privat mehr als 25000 Fotos von Häusern und Straßen hochgeladen, mehr als 6500 davon öffentlich. annoknips.com hat daraufhin Google StreetView in die eigene Applikation eingebaut, weil es offenbar eine sehr breite Zustimmung zur Abbildung von Häuserfotos im Internet gibt.

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Herr Wieczorkowski,

der Tag an dem der „Wille der Masse“ entscheidend ist und nicht mehr „Recht und Gesetz“ ist der Tag wo ich das Land verlasse.
Die „Masse“ kann gerne Nudistenurlaub machen, ich zieh mich trotzdem nicht vor anderen aus.
Also ich hab von meinen Eltern noch den Spruch zu hören bekommen: „Wenn XY sagt "Spring von der Brücke" springst du dann auch?“

Nebenbei find ich das ein starkes Stück, ausgerechnet hier im beck-blog zu Werbezwecken auf eine kommerzielle Seite zu verlinken.

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Liebes corax,

wir leben nunmal in einem Land, in dem sich die Politik nach dem Willen der Mehrheit richtet. Die Zeiten, in denen Oligarchen das Land regiert haben, sind vorbei. Ich halte es für nicht hinnehmbar, dass einige wenige nur deshalb, weil sie an den Schalthebeln der Presse-Berichterstattung sitzen, den Willen von Millionen von Internetnutzern nach freiem Zugang zu freien Daten unterdrücken wollen. Wenn Sie mit dem Verfahren, Mehrheiten zu bilden, nicht einverstanden sind, warum ziehen Sie dann nicht um in ein Land, wo es eine Diktatur gibt?

Im übrigen bin ich mit annoknips.com nicht verbandelt, der Vorwurf, ich wollte hier Werbung machen, läuft also ganz und gar ins Leere. Das Portal zeigt lediglich, dass es ganz offensichtlich sehr viele Menschen gibt, die dem Abbilden von Häuseransichten im Internet aufgeschlossen gegenüber stehen.

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Ich war gerade mal bei annoknips.com wegen des Kleinkriegs zwischen Klaus und corax. Auf http://server137.annoknips.com/press.php?view=1&articleid=29 ist dort eine sehr interessante und gute Zusammenfassung der Rechtsgrundlagen für Häuserfotos zu finden, außerdem nimmt annoknips.com dort auch ausdrücklich Stellung dazu, was man macht und was nicht. Aber mal ganz unabhängig davon, finde ich die Idee von annonkips ziemlich genial, dass man einfach mal festhält, wie es früher an einem Ort aussah.

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Danke an Sabine für den Hinweis. Wegen der "Panoramafreiheit" des § 59 UrhG finden sich im Urheberrecht in der Tat nur schwer Argumente gegen Street View. Das heißt aber nicht, dass Street View nicht aus anderen Gründen rechtlich problematisch sein könnte. Art. 2 I GG, Art. 14 GG und die Drittwirkung der Grundrechte über §§ 823, 1004 BGB dürften da eher Ansatzpunkte liefern.

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