"Rassenzugehörigkeit" anhand der Kopfform feststellbar?

von Christoph Wenk-Fischer, veröffentlicht am 05.12.2008

Als ich das gelesen hatte, dachte ich: Unglaublich! Und weiter dachte ich: Zum Glück!

Unglaublich finde ich, dass eine deutsche Behörde heutzutage noch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten "Menschenrasse" anhand der Kopfform festgestellt sehen wollte. Man ahnt es schon: Es ging um ein asylrechtliches Verfahren, in dem hier die Abschiebung eines Asylbewerbers in dessen vermeintliches Heimatland Guinea drohte. Nun hatte der Asylbewerber aber keine Papiere, die ihn als Bürger von Guinea auswiesen. Er selbst gab als sein Heimatland die Elfenbeinküste an. So wurde die Hilfe einer (allerdings wohl nicht mal authorisierten) "behördlichen" Delegation aus Guinea in Anspruch genommen, die sich neben anderen diesen Flüchtling ansah, kurz mit ihm sprach und dann anhand von dessen Kopfform und Dialekt sowie Zahlung von insgesamt Euro 16.000.- feststellte, dass der Mann aus Guinea stamme.

Zum Glück gibt es in Deutschland hervorragende und sensible Richter; hier das Verwaltungsgericht Lüneburg, dessen 1. Kammer.  Sie rügte (Beschluss vom 22. Oktober 2008 1 B 55/05) u.a. die Zusammenarbeit mit der bezahlten Delegation aus Guinea und stellte fest: "Im übrigen ist das Verfahren aber auch völlig ungeeignet, eine Staatsangehörigkeit festzustellen." Nötige und klare Worte!

Der gemäß § 80 AsylVfG unanfechtbare Beschluss ist in Kürze als "NJW-Entscheidung der Woche" auf der NJW-Homepage nachzulesen.

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6 Kommentare

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Gegen eine geringe Gebühr stehe ich deutschlandweit Behörden zur Verfügung, um jegliche gewünschte Staatsangehörigkeit anhand der Fußstellung beim Tanzen von Hey Macarena zu bestimmen.

Anfragen bitte über den Beck-Verlag an meine E-Mailadresse.

Vielen Danke.

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Ich kann mir schon vorstellen, dass man aus der Kopfform Rückschlüsse auf die Rassenzugehörigkeit ziehen kann. Und für Anthropologen mag das durchaus interessant sein. Aber die Brücke zur Staatsangehörigkeit zu schlagen, gelingt auch mir nicht.
Liest man auch den Artikel von Herrn Steinke, verdichtet sich der Eindruck, dass die Staatsangehörigkeit gekauft worden ist, um abschieben zu können. Darin liegt für mich der eigentliche Skandal!

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[...] neue wisschenschaftliche Methodik in der BRD ist die Schädelvermessungskunde um die rassische Zugehörigkeit eines Menschen zu erkennen. Erst ein Richter musste feststellen, dass es sich hierbei um eine ungeeignete Methode handele. [a [...]

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Die Phrenologie als "Neurowissenschaft" (wohlgemerkt, sie ist keine "Wissenschaft" sondern versuchte sich als Teilmenge der Neurobiologie zu verkaufen) wurde 1809 von Franz Joseph Gall ins Leben gerufen. Es dauerte nicht lange und sie wurde vergleichsweise populär. Später wurde sie von der Eugenik Bewegung rund um ~1900 aufgegriffen, vor allem in den USA.
Dort hat man damals einige Tausend Menschen zwangsterilisiert, i.e. die als unwert oder "unrein" galten, vor allem in Psychiatrien. Es gab aber auch einen Haufen Gesetze die gegen Immigranten gerichtet waren - man hat das ganze also auch mit rechtem Gedankengut und Immigrationspolitik verknüpft.

Später griff die Diktatur der Nazis die Bewegung auf (schon zuvor Hitler in seinem Buch; wir alle wissen welche medizinischen "Experimente" vorgenommen wurden in der Diktatur.).

Man darf meiner Meinung nach die Phrenologie nicht isoliert betrachten.
Sie ist eine Teilstrategie der Rassisten, und auch wenn das Urteil klar ist vermisse ich eine gewisse Schärfe.

Ich finde es irgendwie eigenartig - auf der einen Seite scheitert man gegen die NPD mit einem Verbot, eine Partei deren Mitglieder gewaltbereiter sind als andere Personen. Aber hier geht man nur mit laschen Worten vor?

Das ganze gehört noch viel schärfer kritisiert, denn eine verblendete Ideologie darf und kann man nicht blind hinnehmen.

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