Rechtsextrem organisierte Jugendliche - welche Zahlen stimmen?

von Prof. Dr. Henning Ernst Müller, veröffentlicht am 18.03.2009

Herr von Heintschel-Heinegg hat schon die KFN-Studie zur Diskussion gestellt, nämlich zu ihrem Hauptthema: Jugendgewalt. Anders als in den Medien bislang überwiegend als (vermeintliche) Erkenntnis aus der Polizeilichen Kriminalstatistik präsentiert wurde, ist die Gewalt Jugendlicher zahlenmäßig eher rückläufig. Eine Annahme, die unter Kriminologen schon länger vermutet wurde.

Allerdings ist ein anderes Ergebnis derselben Studie mit Sorge aufgenommen worden. Nach der KFN-Studie sind 3,8 % aller Neuntklässler Mitglied in einer rechtsextrermen Organisation.

Nach einer Berechnung von David Schah wären das allein ca. 22000 Neuntklässler in Deutschland. Rechnet man auf andere Jahrgänge hoch, wäre das insgesamt eine Zahl von organisierten Rechten, die weit über der Schätzung des Verfassungschutzes läge. Die taz zweifelt deshalb in diesem Artikel auch an den Zahlen der KFN-Studie zum Organisierungsgrad der Neuntklässler.

Aber: Sind die Zahlen wirklich vergleichbar? Andere haben schon darauf hingewiesen: Die KFN-Studie von Baier/Pfeiffer (hier herunterzuladen) besagt nicht, welche Gruppen überhaupt dazu gehören. Das wäre auch nicht angezeigt, schließlich kann man Jugendlichen in einer solchen Studie nicht eine Liste mit über 100 Organisationen vorlegen. Es wurde schlicht gefragt, ob sie "Mitglied in einer rechten Gruppe oder Kameradschaft seien", so jedenfalls der wiedergegebene Text der Fragestellung. Die Definition, was eine "rechte Gruppe" ist, überließ man damit den Befragten. Es könnten deshalb viele Jugendliche auch ihre "rechte" Jugendclique als eine solche Gruppierung angegeben haben. Der Vergleich mit Mitgliedschaft in politischen Parteien oder Gewerkschaften wäre dann aber wohl kaum zulässig.

In der taz wird auch Eberhard Seidel, Geschäftsführer der Initiative "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", zitiert: "In der Studie vom Kriminologischen Forschungsinstitut ist nicht von Affinität die Rede, sondern ganz klar von Mitgliedschaft in Organisationen."

Man mache sich selbst ein Bild.

 

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5 Kommentare

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Irgendwo habe ich doch mal im Studium von Psychologen den Spruch gehört: Glaub keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

Nun wird die Studie natürlich keine Fälschung darstellen - eine kritische Würdigung ist aber allemal geboten.

Aber das ist doch genau das, was ich nebenan meinte. Ich sag ja nicht, dass Herr Pfeiffer bewusst lügt oder falsche Zahlen präsentiert, aber was soll man mit Studienergebnissen wenn man die gesamte Studie selber nachrecherchieren muss? Sofern man das überhaupt kann als Sachfremder. Jedesmal bei seinen Veröffentlichungen muss man sich fragen: „Stimmts oder stimmts nicht?“ Deshalb sind seine angeblichen Ergebnisse für den „Normalverbraucher“ erstmal wertlos. Immer muss erst ein anderer Fachmann die Zahlen nochmal überprüfen. Ich dürfte nicht so arbeiten. ;-)

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Die Studien von Pfeiffer haben immer eine so seltsame passende Verwertbarkeit für die Politik. Obs Computerspiele oder nun die rechten Jugendlichen...

Das Problem sehe ich auch bei seiner Medienpräsenz. Wer ständig und überall seine Meinung in der Welt hinausposaunt, mag vielleicht recht passable medientauglich sein; das sagt aber überhaupt nichts über seine (wissenschaftliche) Kompetenz aus.

Ich kann es kaum glauben, aber nach der Präsenz Pfeiffers dürfte es wohl kein anderen Lehrstuhl geben, der sich mit der Problematik Jugend, Kriminalität & Co. auseinandersetzt. Das ist schon sehr bedenklich und kratzt auch am Image sog. Qualitätssendungen wie Hart aber fair usw. 

Warum lädt man nicht mal ausländische Soziologen/Kriminilogen ein zu Gesprächen? Mir fehlt schlichtweg der öffentliche wissenschaftliche Diskurs. Wo sind die ganzen Wissenschaftler?

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Sehr geehrte/r Herr/Frau Pflichtfeld:
Danke für Ihre Stellungnahme, ich möchte darauf antworten, bin aber natürlich in gewisser Weise Partei in diesen Fragen.

"seltsam passend" trifft sicherlich manchmal zu, aber bei dieser jüngsten Untersuchung gerade nicht. Denn das Hauptergebnis - sinkende Jugendgewalt - passt eigentlich kaum in die derzeitige Medienstimmung. Aber es wird dann halt von vielen Presseorganen "passend gemacht", das kann man nicht allein Herrn Kollegen Pfeiffer vorwerfen.

"Medienpräsenz" und "wissenschaftliche Kompetenz" - es stimmt, Christian Pfeiffer ist "der" Kriminologe in den Medien. Das heißt aber wiederum auch nicht, dass er nicht auch kompetent wäre.

"kein anderer Lehrstuhl" - Herr Prof. Dr. Pfeiffer arbeitet derzeit nicht hauptamtlich als Hochschullehrer, weshalb er auch mehr Zeit als andere Professoren hat, seine Forschungen durchzuführen und zu publizieren.
Auch wenn es nicht wahrgenommen wird, so gibt es auch andere Kollegen, die zwar nicht so häufig, aber immerhin gelegentlich in Presse, Radio und Fernsehen auftreten (sogar im Internet, ;-). Auch ich werde in aktuellen Fällen regelmäßig angerufen und befragt und ich schätze, das geht anderen Kollegen ebenso.

"Wo sind die ganzen Wissenschaftler?"
Hauptaufgabe der Wissenschaft ist Lehre und Forschung, nicht unbedingt Medienpräsenz (die Sie ja bei Herrn Pfeiffer gerade beklagen). Medien tendieren zur Vereinfachung, Wissenschaftler zur Differenzierung, weshalb auch manche Erfahrungen mit der Presse eher abschreckend sind. Am Telefon wollen Journalisten oft Antworten auf Fragen mit als wahr postuliertem Hintergrund. Typische Frage: "Die Jugendgewalt steigt an. Warum ist das so?" Versuche, die Fragestellung zu korrigieren, sind oft fruchtlos.

"Mir fehlt schlicht der öffentliche wissenschaftliche Diskurs"
Das freut mich, denn dann ist der Blog hier vielleicht ein kleiner Schritt auf dem richtigen Weg.

Prof. Pfeiffer verteidigt das hier diskutierte Ergebnis in einem taz-interview.

Recht hat Pfeiffer, wenn er sagt, dass sie eine Dunkelfeldstudie gemacht haben und es daher nicht verwundern sollte, wenn sich höhere Zahlen ergeben als die von Polizei oder Verfassunsschutz. Aber: Hier geht es gewissermaßen um ein doppeltes Dunkelfeld: 1. das der Mitgliedschaft, 2. das der existierenden Gruppen. Um letzteres aufzuklären, muss man methodisch korrekt VOR der Befragung definieren, was eine solche Gruppe ist. Und diese Variable muss vom Untersucher so operationalisiert sein, dass es dazu eindeutige Antworten gibt (und nicht etwa jeder Befragte damit etwas anderes meinen könnte).  Ich habe große Zweifel, dass eine solche Operationalisierung erfolgt ist, und diese Zweifel werden durch das Interview verstärkt:

Pfeiffer bestätigt zunächst, dass sie nach aktiver Mitgliedschaft in einer "rechten Gruppe" gefragt haben. Auf die berechtigte Gegenfrage des Journalisten,

"Rechte Gruppe? Haben Sie den Jugendlichen erklärt, dass Sie damit rechtsextreme Gruppen meinen und nicht, wenn ein paar Jugendliche gemeinsam abhängen und alle rechtes Zeug im Kopf haben?"

antwortet er:

"Nein, das braucht man denen nicht zu erklären. Die Jugendlichen, die Mitglied in einer solchen Gruppe oder Kameradschaft sind, die wissen das."

Aber das ist keine Antwort auf die Frage. Schließlich geht es gerade um diejenigen Jugendlichen, die nicht wissen, ob es sich bei dem, bei dem sie da aktiv sind, um eine rechte Gruppe im Sinne der Untersuchung handelt.

Im Grunde bestätigt das den Eindruck: Das Untersuchungskonzept hat keine klare Vorstellung davon vorgegeben, was mit einer rechten Gruppe gemeint ist (sonst hätte Pfeiffer es ja spätestens im Interview definieren können) und hat die Entscheidung den Jugendlichen selbst überlassen.
Wenn man dann hinterher die Antworten mit Parteizugehörigkeit oder Gewerkschaften vergleicht, wird damit beim Publikum der Eindruck erweckt, als habe man nach einem ähnlichen Organisierungsgrad gefragt den eine Partei oder Gewerkschaft aufweist.

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