Haben Juristen keine Ahnung vom Internet?

von Ralf Zosel, veröffentlicht am 03.07.2009
Rechtsgebiete: StudieInternetkompetenzJuristenVerlag13|5763 Aufrufe

Daniel Koch hat das wissenschaftliches Arbeiten im Web 2.0 erforscht und stellt erstaunt fest: "Hätten Sie gedacht, dass Juristen und Künstler das Web 2.0 am wenigsten von allen Forschergruppen verwenden? Besonders bei den Juristen musste ich mir die Augen reiben – selbst Theologen, Philosophen und Sportler fühlen sich im Internet wohler."

Für seine Studie befragte er mehr als 3.300 Wissenschaftler per Online-Fragebogen, darunter ca. 165 Rechtswissenschaftler. Die schneiden bei der Frage nach der Nutzungshäufigkeit von Web 2.0-Diensten am schlechtesten ab und rangieren zwischen "nutze ich selten" bis "nutze ich nie".

Haben Juristen also wirklich keine Ahnung vom Internet? Weiteres empirisches Material, das die These von Daniel Koch stützt, liefert die "DAUFAQ - Juristen erklären das Internet" - eine sehr amüsante Lektüre.

Ich selbst habe keinen gute Überblick - in meinem Bekanntenkreis sind sehr viele Internet-affine Juristinnen und Juristen. Genauso schätze ich auch die Leserinnen und Leser des beck-blog ein. Deshalb meine Frage: Was denken Sie über die Internetkompetenz Ihrer Kolleginnen und Kollegen? Deckt sich Ihre Erfahrung mit den Ergebnissen der Studie von Daniel Koch? Oder machen Sie ganz andere Beobachtungen?

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13 Kommentare

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Ich sehe Studien immer etwas zwiespältig, da die Fragestellungen und Ziesetzungen nicht immer so einfach sind.

Hier meine Frage: macht es für Rechtswissenschaften u.U. weniger Sinn das Netz zu nutzen?

Aktuelle Informationen werden dort recht schnell über Fachverlage transportiert.

Grüße

ALOA

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Nun, ich behaupte einfach mal, tatsächlich Ahnung vom Internet zu haben (d.h. bzgl. Konzepten, technischer Realisierung, Protokollen u.v.m.). Allerdings bedingt diese Ahnung nicht, dass ich jedem dummen Hype hinterherlaufe (eher im Gegenteil, ich behaupte, die Nutzungshäufigkeit von "Web 2.0"-Tinnef ist 'ne Glockenkurve über der "Ahnungs-Achse".

Andererseits werde ich zur Zeit Jurist. Da hat man auch manchmal Gelegenheit, Juristen zu beobachten und zu hören, die behaupten oder von denen gar behauptet wird, sie hätten Ahnung vom Internet. Und da muss man abends manchmal lange Bügeln, um sich die Falten aus der Stirn zu ziehen, bei dem, was da bisweilen abgelassen wird. Das schlimme in diesen Fällen ist vor allem die Diskrepanz zwischen wohl gefühltem Wissen und vorhandenem. Bisweilen werden beim Versuch, technische Vorgänge zu abstrahieren recht abenteuerliche Verkrümmungen der Realität vorgenommen.

Das fällt v.a. dann auf, wenn die Juristen die ihnen ja noch geläufigen Pfade durch soziale Umstände, die in einem Kommunikationsnetz wie dem Internet ja durchaus auch eine erhebliche Rolle spielen, verlassen und sich auf Pfade begeben, in denen Sie technischen Gegebenheiten begegnen. Da sind viele schon froh, überhaupt Bezeichnungen finden zu können. Kein Wunder also, dass sich insbesondere Technikern das Gefühl aufdrängt, Juristen hätten vom Internet keine Ahnung.

Allerdings geht es in der Studie ja gar nicht um das "Internet", sondern das "Web 2.0" -- einen Begriff, dessen Benutzung immer mit Vorsicht zu sehen ist, schließlich ist oft eine letztlich recht willkürliche Service-Auswahl damit verbunden. Die Teilnehmerzahl ist auch reduziert, da gar nicht alle den Fragebogen (vollständig) ausgefüllt haben (auf 2361). Das ergäbe dann eher so 118 Juristen. Schlußendlich ist auch die erreichte Zielgruppe nicht ganz klar: Doktoranden plus offene Auswahl. Ich bin mir nicht sicher, ob man mit dieser Studie groß etwas signifikantes über Juristen allgemein sagen kann. Vielleicht hat man auch einfach die falschen Leute gefragt.

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Juristien haben keine Zeit zum Surfen.. ähh zur seriösen Internetnutzung.

 

Wenn ich das schon an den Hochschulen sehe, was mancher "Wissenschaftler" anderer Fachbereiche für wissenschaftliche Freiräume hat und was dagegen die Juristen teilweise ranklotzen (Wenn auch nebenberuflich durch Gutachten, Vorträge o.ä.), dann denke ich mir immer wieder: Das sind zwei verschiedene Arten von Akademikern.

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Ich habe viel sowohl mit Juristen als auch mit Künstlern zu tun, und die verwenden ständig das Internet, schon allein zur multimedialen Kommunikation.

Die Arbeit von Koch befasst sich auch nicht mit "dem Internet", sondern dem Web 2.0 - also die Welt der Wikis, Blogs, Foren usw.

Ich halte es schlicht und ergreifend für einen Intelligenztest, ob man sich bei der Recherche nach juristischer (oder sonstiger geisteswissenschaftlicher) Informationen etwa auf Wikipedia oder Quasselforen verlassen möchte, anstatt sich gleich qualifiziert zu informieren.

Als Medien zur Schnellinformation über aktuelle Entscheidungen sind Blogs allerdings unschlagbar. Hier ein Beispiel für ein (leider nur eingeschränkt zitierfähiges) Wiki eines Hobbyjuristen: http://buskeismus-lexikon.de/Kategorie:Glossar ;-)

Möglicherweise wird der Schnitt auch durch die ältere Juristengeneration gedrückt, die es als Ausdruck von Souveränität empfindet, wenn sie mit ihrer Technikfeindlichkeit kokettiert.

Jedenfalls dürfte die Ausgangsbasis für die Erhebung kaum repräsentativ ein.

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Hallo,

in Ihrem Beitrag ist von Wissenschaftlern bzw. auch Rechtswissenschaftlern die Rede. Leider lässt sich daraus nicht direkt entnehmen, ob Jursiten im Allgemeinen gemeint sind oder nur Professoren bzw. Lehrende. Denn bei letzterer Gruppe ist mir persönlich während meines bisherigen Studiums aufgefallen, dass sie Recherchearbeiten im Internet gerne an ihre Assistenten deligieren. Dann ist natürlich klar, dass nur eine seltene Nutzung eben dieses Mediums gegeben ist.

Beste Grüße,

Kant.

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Ich kenne viele Juristen, die einen Computer kaum einschalten können, aber die meisten diktieren die Urteile ja auch... Spaß beiseite, es ist nach meinen Erfahrungen kein Zufall, dass das benannte Portal nach einem bekannten Hamburger Richter benannt ist.

Ob das am Studium liegt oder in der Natur des typischen Juristen begründet ist, weiß ich nicht. Es ist aber auffällig, dass viele Kollegen weder Webseiten, E-Mailadressen o.ä. wirklich nutzen. Man merkt das daran, dass diese Angaben nur in seltenen Fällen auf dem Briefpapier stehen. Selbst in großen Kanzleien weiß ich von E-Mails an die Assistentin, die dem "Chef" einen Ausdruck vorlegt.

Das kann ich hier ja ruhig so deutlich schreiben, denn die Betroffenen lesen es ja eh nicht laut der Studie.

Spätestens mit der Einführung des EGVP und der digitalen Signaturen wird sich das wohl ändern müssen. Man muss aber auch nicht alles verstehen, um es zu benutzen.

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Die wenigsten deutschen Anwälte mit eigenem Blog wissen mit dem Medium umzugehen. Sie berichten völlig an ihrer Zielgruppe und deren Bedürfnissen vorbei. Die meisten Blogbeiträge richten sich nicht an juristische Laien und potentielle Mandanten, sondern an Kollegen und das Fachpublikum.

Hier ein aktueller Bericht aus den USA über die kalifornische Anwältin Jennifer N. Sawday und ihren geschickten Umgang mit dem Web 2.0:

http://www.blogforprofit.com/blog-for-profit/how-one-estate-planning-attorney-used-blogging-and-social-med

 

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Hat eigentlich jemand die juristischen Kenntnisse von Webprogrammierern untersucht? Ich fürchte, da wird es ähnlich mau aussehen.

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@Der_Rufer_in_der_Wüste solche Beiträge ohne logisch sinnvolle Argumentation wie der ihrige zeigen aber das Problem auf. Natürlich ist es einigermaßen irrelevant, wieviel Webprogrammierer (und was soll das genau sein?) von der Juristerei verstehen. Andersherum geht es in der hier behandelten Studie ja auch nicht um die Programmierkenntnisse von Juristen.

Der Umgang mit elektronischen Medien ist sicherlich mittlerweile aber als "Kulturtechnik" zu bewerten, deren Beherrschung durchaus wichtige Schlüsselkompetenz geworden ist. Und Juristen, so die Studie, sind da eben überdurchschnittlich inkompetent.

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@ Hans-Werner:

Des einen "Kulturtechnik" (eine interesante Wortschöpfung Ihrerseits) ist des anderen überflüssiger Schnickschnack. Daraus die allgemeine Kompetenz eines Menschen ableiten zu wollen finde ich engstirnig bis anmaßend. 

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Herr Zosel, warum haben Sie sich eigentlich nicht die Mühe gemacht, die von Ihnen gepriesene "Studie" einmal wenigstens oberflächlich anzusehen?

Die "Studie" vergleicht doch ganz offensichtlich Äpfel mit Birnen  -  das, wonach hier gefragt wurde, ist für Juristen alles so gut wie überhaupt nicht relevant, und der relevante juristische Content ist, jedenfalls in Deutschland, im Internet in der Regel einfach nicht oder nicht frei zugänglich (vielleicht sollten Sie sich mal bei Ihrem Arbeitgeber, dem Beck-Verlag, kundig machen, wie das kommt).

Befragt wurden außerdem nicht "Juristen", sondern Jurastudenten und -doktoranden (und davon haben lächerlich wenige, nämlich bundesweit ca. 120, geantwortet  -  schon wegen der in anderen Fächern z.T. viel höheren Rücklaufquote ist die "Studie" methodisch komplett unbrauchbar).

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Ich habe die Studie (nach zugegeben "oberflächlicher" Lektüre) so verstanden, dass es um die Nutzung des internet für "Wissenschaft" ging. Worum es wohl nicht ging: Wieviele Juristen/Jurastudenten sind wie oft und wie lange online? Wie viele von ihnen lesen Blogs, wie viele sind selbst aktiv in web 2.0 Plattformen? Auch Internetwissen/Computerwissen wurde nicht abgefragt.  Thema der Studie war: Wie viel wird wissenschaftlcih im internet geforscht und wie stark wird e-learning betrieben.

Die gemessenen Unterschiede zwischen den Wissenschaftszweigen geben dabei nicht wieder, wie viel Ahnung die Berufsgruppen/Wissenschaftler/Studenten vom Internet haben, sondern wie nützlich das internet in ihrer Wissenschaft ist. Und da kann (bislang) die Rechstwissenschaft noch nicht mithalten mit den Naturwissenschaften. Würde man allerdings die Steigerungsrate messen (sagen wir von 2000 bis heute), dann wäre die Rectswissenschaft m.E. schon ziemlich weit vorn. Während 2000 in den Naturwissenschaften schon sehr vieles online war, konnte man rechtswissenschaftlich vor neun Jahren im Netz kaum irgendetwas finden, inzwischen ist es (u.a. mit Beck-Online, anderen Portalen aber auch schon einigen reinen Online-Zeitschriften) schon ganz beachtlich.

Beste Grüße

Henning Ernst Müller

 

Interessante Diskussion zu unserer Studie. Freut mich! Gestern unterhielt ich mich auf einer HRK-Expertenanhörung (http://blog-de.scholarz.net/2009/07/08/berichte-von-der-hrk-expertenanho...) mit dem Leiter der virtuellen Hochschule Bayern und einem Projektverantwortlichen von HIS. Das spannende Ergebnis:

Während auch andere Studien eine sehr geringe Internet-Nutzung von Juristen festgestellt haben (nicht nur im Bezug auf Web 2.0, auch im universitärem Umfeld), stellen die Juristen die größte Nutzergruppe in der virtuellen Hochschule, sind hier also überdurchschnittlich Internetaffin. Vieleicht sind Juristen nur besonders selektiv?

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