Was Kinder zu Schlägern macht

von Prof. Dr. Bernd von Heintschel-Heinegg, veröffentlicht am 03.05.2014

„Türkischem Mädchen wird Gesicht mit Stein zertrümmert“ ist eine der spektakulären Schlagzeilen (diese Woche hat der Prozess in Weiden begonnen), mit denen Straftaten Jugendlicher viel öffentliche Aufmerksamkeit und Diskussionen erregen. Viel zu wenig beschäftigt sich die Politik und Gesellschaft aber mit der alltäglichen Jugendgewalt.

Mit den Ursachen und Therapiemöglichkeiten der üblichen nächtlichen Schlägereien vor Diskotheken, auf Bahnsteigen oder in bestimmten Wohnvierteln befasst sich das in dieser Woche von den beiden Psychiatern Josef Sachs/Volker Schmidt erschienene Buch „Faszination Gewalt“, auf das ich durch das Interview mit den beiden Autoren im aktuellen SPIEGEL aufmerksam wurde.

Mit großem Gewinn habe ich das Buch gelesen, das sich mit folgenden Fragen auseinandersetzt:

  • Woher kommt die Gewaltbereitschaft?
  • “Früher war alles besser!“
  • Ausdrucksformen der Gewalt
  • Was tun?

Sehr deutlich wird bei der Lektüre: die Zahl der Vorfälle sinkt zwar, aber die Brutalität nimmt zu. Die Gewalt unter Jugendlichen ist nicht auf eine Ursache zurückzuführen, so dass rezeptartige Lösungen ausscheiden.

Zusammenfassend halten die Autoren folgendes fest:

  • Nicht selten steckt hinter der Gewalt pure Langeweile, verbunden mit der Gelegenheit, ohne großes Risiko zuzuschlagen und dadurch etwas Spannung ins öde Leben zu bringen (S. 201).

  • Aggressionen entstehen wesentlich durch soziale Ausgrenzung und mangelnde Geborgenheit (S. 202).

  • Kinder lernen vom frühen Alter an, Gewalt zur Lösung von Problemen anzuwenden oder darauf zu verzichten (S. 202).

Ein sehr lesenswertes Buch! Vielleicht konnte ich Ihnen etwas Appetit auf die Lektüre machen.

Diesen Beitrag per E-Mail weiterempfehlenDruckversion

Hinweise zur bestehenden Moderationspraxis
Kommentar schreiben

6 Kommentare

Kommentare als Feed abonnieren

Man will es doch gar nicht wissen, woher Gewalt kommt. Denn wer es wissen will, der weiß es ja: Aus geprügelten Kindern  werden mit signifikanter Wahrscheinlichkeit erst prügelnde Kinder, dann prügelnde Jugendliche, dann prügelnde Erwachsene und prügelnde Eltern. Mangelnde Zuqwendung (Liebe) ist ein weiterer Grund.

0

@ Gast

Auch wenn wir zu wissen glauben, die Ursachen der Gewalt in der Gesellschaft zu kennen, so sollten wir uns doch nicht damit zufrieden geben; denn Gewaltprävention ist ein Dauerauftrag der Gesellschaft, der gesellschaftlichen Veränderungen unterliegt und es kommen auch mit Blick auf die Ursachen immer wieder neue Erkenntnisse hinzu. 

 

Ob die Hirnveränderungen, die zwischen dem zwölften und 20. Lebensjahr stattfinden, schon Allgemeingut sind wie familiäre Probleme oder Medienkonsum und Gewalt glaube ich nicht. Gerade das Kapitel " `Baustelle Pubertät` – Hirnveränderungen bei Heranwachsenden"  habe ich in dem besprochenen Buch mit großem Gewinn gelesen.

Gewaltprävention ist ein Dauerauftrag der Gesellschaft, der gesellschaftlichen Veränderungen unterliegt und es kommen auch mit Blick auf die Ursachen immer wieder neue Erkenntnisse hinzu, ist absolut richtig.

 

Aber wenn Gewalt im Nahbereich sich entwickelt, gibt es zu wenig Möglichkeiten gesetzlich rechtzeitig vorbeugend zu handeln. Hilfeschreie werden überhört.

 

Handeln dürfen die Behörden immer dann erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

 

Indoktrination, Anerziehung  von Gewalt läßt man zu. Psychische Gewalt ist kein Offizialdelikt.

 

 

 

 

0

Kein noch so gutes Präventionskonzept wird eine "gewaltfreie" Gesellschaft bringen. Jede Gewalttat belegt, dass die bisherigen gewaltpräventiven Maßnahmen die konkrete Tat nicht verhindert konnten.

 

Gerade weil nur langfristig wirksame Maßnahmen in der Sozialpädagogik und z.B. in der kinder- und jugendpsychiatrischen Frühintervention gegensteuern, bedarf es eines langen Atems und nicht ein Verzagen allein deshalb, weil es kein Allheilmittel gegen künftige Gewalttaten gibt. Es   gibt erfreuliche Fortschritte und Erfolge; die vielen Misserfolge sollten uns nicht entmutigen, sonst wird es sicher noch viel "schlimmer".

 

Kommentar hinzufügen

/