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Juristische Übersetzungen

Eine Art solipsistische Tendenz oder der verlängerte Arm des Geistes

von Peter Winslow, veröffentlicht am 20.12.2018

Ich muss ein bisschen Dampf ablassen. Daher ist dieser Blogbeitrag aller Wahrscheinlichkeit nach wertlos und übertrieben; hoffentlich enthält er nichtsdestotrotz einen – wenn auch sehr – kleinen Kern der Wahrheit, to which the one or the other reader might relate.

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Als Übersetzer sollte ich mich mit dem Fachjargon zweier Rechtssysteme auskennen. In den meisten Fällen werden Aufträge auch auf dieser Basis ausgeführt. In seltenen Fällen behaupten gewisse Kunden jedoch explizit, dass nicht mein, sondern ihr Verständnis in der Übersetzung widergespiegelt werden und dass ich lediglich als Verständnisvermittler dienen sollte.

In solchen seltenen Fällen pflegen diese gewissen Kunden einen unerklärlichen Hang zu emotionsgeladenen und umständlichen Monologen, aus denen ich jeweils nur Worte wie ich hab’s immer so gemacht; bei uns [Kanzleinamen einfügen] wird das immer so verstanden; Ihre Übersetzung muss mit dem Verständnis deutscher Anwälte überstimmen; ist mir ja egal, wie das anderswo verstanden wird; und Ähnliches heraushöre. Dabei wird mir unweigerlich eine unangenehme Ähnlichkeit mit Adolf Loos’ Sattlermeister bewusst, dessen Geschäft von einem Berufsaußenstehenden »mit neuen ideen« [sic] befruchtet werden soll.

Obwohl das stimmt nicht ganz. Mir würde eine unangenehme Ähnlichkeit mit Adolf Loos’ Sattlermeister bewusst werden, wenn diese Monologe nicht auf eine Art solipsistische Tendenz hinausliefen, aufgrund derer Übersetzungsdienstleister lediglich und etwas unsinnig als verlängerter Arm des eigenen Geistes dienen sollen. … Das heißt: Im Widerspruch zu der expliziten Behauptung geht es nicht um irgendein Verständnis; in aller Regel werden beispielsweise weder sachdienliche Anregungen noch fachliche Vorstellungen noch ein ordnungsgemäß erstelltes Glossar vermittelt, die und/oder das man im Rahmen des Übersetzungsauftrags berücksichtigen könnte. Das alles wäre ja willkommen und überhaupt nicht zu beanstanden.

Die bei den Monologen getätigten Sprüche gleichen den Bemerkungen des von Georg Christoph Lichtenberg beschriebenen Mannes, »der z.E. barfuß nach Rom laufen könnte[,] um sich dem Vatikanischen Apoll zu Füßen zu werfen«. Wie dieser Mann, sprechen auch diese Leute »nur von sich[,] wenn sie von anderen Dingen zu reden glauben«.* Diese Sprüche könnten sich nämlich oberflächlich so anhören, als wären sie sachliche Mitteilungen des Verständnisses oder gar auf einem fundierten Verständnis beruhende Anweisungen. Das sind sie aber nicht.

In Wirklichkeit vermitteln diese Sprüche kein Verständnis. Sie vermitteln lediglich die Gewohnheiten (z.B. hab’s immer so gemacht) und die Gleichgültigkeit (z.B. ist mir ja egal, wie das anderswo verstanden wird) der Menschen, die diesen Hang zu emotionsgeladenen und umständlichen Monologen pflegen. … Man kratze nur ein bisschen an der Oberfläche und ein anderes Bild kommt zum Vorschein, und zwar ein verkehrtes, bei dem sowohl eigene Gewohnheiten als auch die eigene Gleichgültigkeit als allgemeines Verständnis gelten sollen.

Auch stellen diese Sprüche keine Anweisungen dar, die auf einem fundierten Verständnis beruhen. Sie sind komplett irrsinnig. Es kommt mir nämlich so vor, als wären diese Menschen in einer eigenen Welt gefangen, in der man zum Beispiel von dem Verständnis deutscher Anwälte sprechen kann, weil diese Welt nur von einstimmigen Anwälten bewohnt wird und daher die Berufsweisheit »zwei Juristen, drei Meinungen« nicht kennt. … In dieser Welt kommen die Monologführenden auch nicht auf die Idee, dass ihre Gewohnheiten und Gleichgültigkeit nicht notwendigerweise die besten Lösungen oder Ansätze darstellen und sogar unter Umständen zu weiteren Problemen führen könnten. Mein Lieblingsbeispiel besteht in der Anweisung, dass Sondervermögen mit special fund übersetzt werden sollte.

Diese Anweisung wird in aller Regel damit begründet, dass man den Begriff Sondervermögen immer mit special fund zu übersetzen habe, weil dies die »offizielle« Übersetzung des Begriffs sei (siehe beispielsweise die englische Übersetzung von § 310 BGB). Diese Gewohnheit stellt jedoch nur solipsistischen Unfug dar. Denn sie entstammt einer eigenen Welt, in der aufgrund einer rein irrtümlich für »offiziell« gehaltenen Übersetzung des BGB nicht über den Tellerrand geguckt wird. Was sollte man mit Spezial-Sondervermögen machen? Sollte das mit special special fund übersetzt werden?

Das ist nur ein Beispiel. But you get the picture. Die hier in Rede stehenden Monologe werden grundsätzlich nicht durch Fachkenntnisse oder Sachlichkeit, sondern durch eine Art solipsistische Tendenz – ich-bezogene Gewohnheiten etc. – gekennzeichnet, bei der weltliche Tatsachen (die weltliche Unterscheidung zwischen Verständnis und Gewohnheiten/Gleichgültigkeit etwa) einerseits und objektiv relevante Zusammenhänge (Sondervermögen/Spezial-Sondervermögen etwa) andererseits nicht berücksichtigt werden sollen – ja bei der man glauben könnte: Die Menschen, die diese Art von Monolog führen, benötigen zwar die Hilfe von Übersetzungsdienstleistern, aber wollen diese Hilfe nur unter dem Vorbehalt, dass sie als Ausweitung des eigenen Solipsismus und ohne Zusammenhang mit der übrigen Welt erfolgt. Diese Menschen reden nur von sich und ihrem verkehrten Weltbild, nicht von anderen Dingen.

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Dampf abgelassen.

 

  Endnote

* Zitat aus Georg Christoph Lichtenbergs Sudelbücher, Heft E, Nummer [191]. Lichtenbergs Text lautet wörtlich – samt fehlender Kommasetzung – wie folgt:

Für alle die Bemerkungen eines Mannes, der z.E. barfuß nach Rom laufen könnte um sich dem Vatikanischen Apoll zu Füßen zu werfen, gebe ich keinen Pfennig. Diese Leute sprechen nur von sich wenn sie von andern Dingen zu reden glauben, und die Wahrheit kann nicht leicht in üblere Hände geraten.

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2 Kommentare

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Zum "Dampf ablassen" sollte man sich vielleicht weiterhin des guten alten Punching Bags bedienen. Die neumodische amerikanische Methode, das Internet per Twitter u. a. als Sandsack zu benutzen, halte ich für ungeeignet...

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Die Methode der anonymen Iche, das Internet per Twitter u. a. zur Verbreitung ihrer Lebensweisheiten zu benutzen, halte ich für ungeeignet...

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