Ein anonymes Ich, der Botschafter Grenell und die Übersetzung der Drohbriefe, die keine seien

von Peter Winslow, veröffentlicht am 06.02.2019

Es ist kein Geheimnis, dass bei meinen Blogbeiträgen die meisten Kommentare durch anonyme Iche geschrieben werden, bei denen »kein verantwortliches Gesicht«* zu erkennen ist. Sie haben weder Profilbilder noch richtige Namen, aber bringen zuweilen den fraglichen Mut auf, das unfreiwillige Zeugnis des – I’m assuming bekannten – durch Tastaturen und Internetverbindungen hergestellten, aber mysteriösen Zusammenhangs zwischen Fingerspitzen, Hirn und Darm abzulegen.

Der kürzlich auf Deutsch im Internet an mich gerichtete Kommentar eines anonymen deutschen Ichs verstehe ich als Amerikaner und Gast in Deutschland – auch ohne Übersetzer:

Die kürzlich auf Amerikanisch in Deutschland an deutsche Unternehmen gerichteten Unverschämtheiten des amerikanischen Botschafters Grenell versteht man auch ohne Übersetzer, was sicher auch der Amerikaner Grenell unterstellt, andernfalls er sich als Gast in Deutschland an deutsche Unternehmen auf Deutsch geäußert hätte. Oder er fand einfach unter seinen Landsleuten niemand, der anständig übersetzen konnte und Deutschland versteht (vgl. hier).

Eine wohlwollende, wenn nicht die wohlwollendste, Auslegung der ersten drei der fünf in diesem Kommentar enthaltenen Behauptungen – (1) man versteht den Amerikaner Grenell ohne Übersetzer, (2) der Amerikaner Grenell setzt dieses Verständnis voraus und (3) er hätte sich andernfalls auf Deutsch geäußert – lautet: Als Antwort auf die Klage, dass deutsche Rechtsanwälte zuweilen meinen, aufgrund englischer Sprachkenntnisse ins Englische übersetzen zu können, möchte das anonyme Ich mittels gequälter Parataxe zu der Schlussfolgerung gelangen, dass eine angebliche Voraussetzung und eine tatsächliche Unterlassung seitens Grenell als Beweis der sprachlichen Auffassungsgabe nicht nur deutscher Rechtsanwälte, sondern auch sämtlicher im Bereich Industrie tätigen Deutschen gälten. … Bei diesem Ich scheint kein Zweifel zu bestehen, dass die Unverschämtheiten eines einzigen Trump appointee zur Bestätigung empirischer Erkenntnisse Dritter führen können: Diese Unverschämtheiten sollen die Sprachkenntnisse einer unbestimmten Anzahl deutscher Staatsbürger bestätigen. So funktioniert die Empirie aber nicht.

Da solch dummes Zeug selten ohne Ironie gesagt wird, dient auch dieser Kommentar dem im Widerspruch zu der oben genannten Schlussfolgerung stehenden Nachweis, dass das Verstehen sehr wenig mit Sprachkenntnissen zu tun hat. Dieses anonyme Ich hat einen Blogbeitrag auf Deutsch – seine Muttersprache – gelesen und ihn entweder nicht verstanden oder seine Antwort darauf so schlecht verfasst, dass man nur noch von einer Ausdrucksunfähigkeit in der eigenen Muttersprache ausgehen muss. Nicht jeder, der die Sprache kann, versteht in ihr abgefasste Gedanken und nicht jeder, der die Sprache kann, kann Gedanken in ihr abfassen; dafür braucht man unter anderem etwas Geduld und Denkvermögen. … Ich habe nie bestritten, dass deutsche Rechtsanwälte Englisch verstehen. Ich habe lediglich behauptet, dass ihre englischen Sprachkenntnisse, soweit vorhanden, regelmäßig nicht »zum Können in einem Bereich führen, in dem man weder Qualifikationen noch entsprechende Berufserfahrung vorweisen kann«.

Damit komme ich auf die letzten zwei der fünf im oben zitierten Kommentar enthaltenen Behauptungen zurück: (4) der Amerikaner Grenell hat keinen Amerikaner für eine Übersetzung gefunden und (5) es gibt keinen Amerikaner, der anständig ins Deutsche übersetzen konnte und Deutschland versteht.

Die Vorstellung, dass Herr Grenell seine Drohbriefe ins Deutsche hat übersetzen lassen wollen, ist fraglich oder lachhaft – oder wäre lachhaft, wenn’s nicht so betrübend wäre. Auch wenn Herr Grenell dies gewollt hätte, was ich vorsorglich mit Nichtwissen bestreite, hat man keinen Grund zu der Annahme, dass es ihm gelungen wäre. … Herr Grenell ließ – und das ist leider kein Witz – durch einen Sprecher nachträglich zugeben, dass seine Briefe den gewollten Zweck verfehlt haben. Herr Grenell wolle nicht gedroht, sondern nur eine »klare Botschaft der US-Politik« geschrieben haben. Er möchte also nur so gelesen werden, wie er geschrieben hat. Er, ein Diplomat, dessen Vorgehen »nicht den diplomatischen Gepflogenheiten« entspreche, begründet das Missverständnis seiner Leserschaft mit der Klage, sie halte sich an die für das Lesen geltenden Gepflogenheiten und lege einen Text auch aufgrund seines Wortlauts aus. Herr Grenells Drohbriefe erfolgten in ungewöhnlicher Weise und haben nicht in gewöhnlicher Weise verstanden zu werden.

Also: Entweder hat Herr Grenell eine Muttersprachschwäche – wie unser anonymes Ich – oder er verwechselt seine Gemütsverfassung mit der Textverfassung. Die Aussichten auf Verständigung hätten nicht schlechter stehen können. Da Herr Grenell außerdem nicht einsieht, dass die aktuelle internationale Politik der USA (Klimawandelleugnung, nationalistische Isolationspolitik, die Bezeichnung von Neonazis als »good people«, die billigende Haltung zu Autokraten, der unüberlegte Abzug aus Syrien bei einem Telefonat mit Erdoğan, etc.) eine Vielzahl von Drohungen darstellt, will er eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen der US-Politik und Drohungen verstanden wissen. Unterscheidungen ohne Unterschied sind nicht neu – die Konsequenz, mit der sie alle Facetten der Politik durchdringen, vielleicht schon. Eine Folge dieser ist zweifelsohne, dass Herr Grenells Haltung zu seinen Drohbriefen, die keine seien, entweder die Unübersetzbarkeit seiner Briefe verraten oder die Notwendigkeit der Verweigerung jeder Übersetzung beweisen.

Herr Grenell hat nämlich klargestellt, dass man in keiner Hinsicht auf den Wortlaut seiner Drohbriefe abstellen sollte, wenn dieses Abstellen zum wichtigen Teil bei jeder Übersetzung erforderlich ist. Keine Übersetzung hätte richtig sein können. Eine individuelle und nachträglich bekanntgegebene Gemütsverfassung kann nicht als Ausgangstext dienen; man kann ja keine Gedanken lesen. Hinzu kommt: Da Herr Grenells Briefe aufgrund ihres Wortlauts nur als Drohbriefe übersetzt werden könnten, hätte Herr Grenell die Übersetzung als Gelegenheitsnachweis dafür missbrauchen können, dass Antiamerikanismus nicht nur im Hause des Spiegels, sondern auch in der deutschen Übersetzungsbranche verbreitet sei. Er hätte wahrscheinlich gemeint, nicht sein Text, sondern nur die Übersetzung erwecke den Eindruck der Drohung. … Denn es geht Herrn Grenell nicht um die in seinen Briefen enthaltenen Worte, deren jeweilige Orthographie und Bedeutung Gemeinschaftsgüter sind. Es geht ihm um eine unhaltbare Haltung, nach der Worte eine Politik zwar bekunden, aber die Politik nicht aus den Worten hervorgehen soll. Das ist gefährlicher als jede Drohung. Denn die Verständigung ist weder gegeben noch gewollt. Auch wenn man vielleicht meint, dass die Drohbriefe ohne Abstellen auf den Wortlaut übersetzbar wären, so stellte jede Übersetzung einen Missbrauch der Übersetzungstätigkeit dar. … Diese Tätigkeit ist eine vermittelnde, sie dient der Verständigung. Und wenn sie der Politik zur Verfügung stehen soll, so sollte sie einer anderen Politik zur Verfügung stehen als der von Herrn Grenell.

 

  Endnote

* Karl Kraus in F 462–471: 171, vgl. aber auch F 400–403: 58.

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7 Kommentare

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Köstlich: "mysteriösen Zusammenhangs zwischen Fingerspitzen, Hirn und Darm ". Bedenkt man nun noch, dass a) nach Kohl ENTSCHEIDEND ist, was hinten raus kommt, und b) Judikate auch gern als ENTSCHEIDUNGEN bezeichnet werden, so hat man einen tauglichen Ansatz für manche Entscheidungsrezension!

Jedenfalls habe Schwierigkeiten, den Text zu verstehen. Unabhängig davon, welcher Inhalt da transportiert werden soll, habe ich Zweifel, dass a.) der zitierte Kommentar und b.) die Äußerungen des Herrn Grenell einer Diskussion an dieser Stelle würdig und zugänglich sind.

Als US-Amerikaner bekommt man ggw. ein wenig von dem Unmut zu spüren, den Viele ggü. der US-Regierung verspüren. Ob das gerecht und hilfreich ist, sei dahingestellt. Aber es wird nichts anderes bleiben, als das mit Würde zu ertragen - und nicht auf jedes Gebell zu antworten.

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Ich stimme Herrn Dr. Peus zu, möchte aber nur gesagt haben:

Ich bin Krausianer und glaube, die Würde hat nichts mit stoischer Duldung zu tun; im Gegenteil: Sie sei etwas aktives und mit dem Konjunktiv II verwandt: Würde ist, was man werden kann.

Der Laller benennt sich als Gast". Ich weiß mittlerweile nicht , ob unter "Gast" hier in beck blog stets ein und dieselbe Person auftritt oder wer und weviele auch immer. "Gast" pöbelt häufiger. 

Macht es was aus, ob hinter »Gast« eine oder meherere Personen stehen? Pöbelei ist Pöbelei, dummes Zeug dummes Zeug etc. Egal ob unter Gast, Leser oder einer sonstigen Bezeichnung: Ich habe längst aufgegeben, Sprüche echten Maulen zuzuordnen. Im Internet stammen diese alle von anonymen Ichen, die keine Verantwortung für ihre Worte tragen wollen. Es gilt sie entsprechend zu behandeln.

Ich unterstelle, dass Winslows professionelle Übersetzungen um Welten verständlicher sind, als seine überkandidelten eigenen Texte, deren Verständlichkeit leider vollends an seinen artifiziellen literarischen Ambitionen scheitert.

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