GoBD: Sherlock, bitte dringend in die Wilhelmstraße!

von Prof. Dr. Claus Koss, veröffentlicht am 23.08.2019

Bereits nach rund sechs Wochen hat das Bundesfinanzministerium die am 18. Juli 2019 veröffentlichten "Grundsätze zur ordnungsgemäßen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form sowie zum Datenzugriff" (GoBD) Mitte August 2019 wieder zurückgezogen. In den "GoBD" (offiziell: BMF-Schreiben vom 11.07.2019 - IV A 4 - S 0316/19/10003 :001; DOK 2019/0592405) legt die Finanzverwaltung fest, welche Unterlagen Steuerpflichtige wie zu führen und im Falle einer Prüfung vorzulegen haben. Jetzt rätseln die Fachleute, was dieser kurzfristige Rückzug zu bedeuten hat?

"Trauen Sie niemals allgemeinen Eindrücken, mein Junge, sondern konzentrieren Sie sich auf Einzelheiten." (engl.: "Never trust to general impressions, my boy, but concentrate yourself upon details.") lässt der Kriminalautor Sir Arthur Conan Doyle seinen Meisterdetektiv Sherlock Holmes sagen. Das gilt in besonderem Maße für das Rechnungswesen. Bereits bei einem Euro Differenz zwischen Aktiv- und Passivseite wird beispielsweise der Buchhalter misstrauisch.

Im Massengeschäft "Führung von und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen" für steuerliche Zwecke machen bereits kleine Details den großen Unterschied. Entsprechend umstritten sind manche Details - manchmal fallen sie erst im Nachhinein auf. Im Fall der GoBD besonders aufwendig: möglicherweise haben Steuerpflichtige bereits Auswertungen aufbereitet, vielleicht auch noch alte Buchhaltungsprogramme reaktiviert. Die unehrlichen unter den Steuerpflichtigen haben vielleicht bereits Daten gelöscht - und hätten das vielleicht nicht mehr tun müssen. In den meisten Fällen ist Streit zwischen Steuerpflichtigem und Steuerbehörde vorprogrammiert.

Laut Newsletter der Zeitschrit "BC" (https://rsw.beck.de/cms/?docid=411370) sind insbesondere zwei Regelungen strittig zwischen den Vertretern von Bund und Ländern:

  1. Der sog. "Z3-Zugriff" nach einem Systemwechsel.
    Das Problem in der Buchhaltung ist oft ein Systemwechsel. Teilweise müssen Daten aus Vorjahren auf neue Versionen umgestellt werden, um weiterhin auswertbar zu sein bzw. um auf Datenträger gespeichert zu werden. Umstritten ist, wie viele Jahre zurück die Daten auf einen Datenträger gespeichert werden müssen, damit die Finanzbehörden darauf zugreifen können?
  2. Datenträgerüberlassung bei der Kassen-Nachschau
    Die Frage klingt trivial, hat aber große praktische Bedeutung: müssen Steuerpflichtige bei einer Kassennachschau einen eigenen USB-Stick bereithalten und dem Prüfer zur Verfügung stellen?
    Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten an der Kasse Ihrer Lieblingskneipe oder Lieblingsdisko. Gerade in beliebten Lokalitäten mit viel Bargeldumsatz ist die Versuchung groß, nicht alle Einnahmen mit dem Fiskus zu teilen oder gar mitzuteilen. Das weiß aber der Fiskus auch. Im Rahmen der "Kassen-Nachschau" darf der Prüfer daher die Daten auf einem vom Steuerpflichtigen zur Verfügung zu stellenden Datenträger verlangen (§ 146b Abs. 2 Satz 2 AO). Das praktische Problem: in den meisten Etablissements sind schmutzige Gläser und hochprozentiger Alkohol leichter verfügbar als ein (virenfreier) USB-Stick. Die Ausrede "hama nich" ("wir haben gerade keinen USB-Stick") ist daher vorprogrammiert. Nach derzeitigem Stand der GoBD darf der Außenprüfer dem Betreiber bzw. dessen Angestellten aber auch keinen dienstlichen Datenträger reichen. Eine entsprechende Ergänzung der Zulässigkeit in den GoBD soll Abhilfe schaffen. Das löst zwar das Problem der Datenbeschaffung, wirft aber weitere interessante Fragen auf, z.B. was, wenn der Steuerpflichtige geltend macht, der Virus, der alle Daten gelöscht hat, sei über den USB-Stick des Finanzamts gekommen?

Abschließende Quizfrage für die Meisterdetektive unter den Leser/innen (m/w/d):

Warum möchte der Verfasser Sherlock Holmes ausgerechnet in die Wilhelmstraße und nicht in die Baker Street schicken?

Bearbeitungshinweis: mit dem Brexit hat es ausnahmsweise nichts zu tun!
Antworten bitte in die Kommentarzeile - zu gewinnen gibt es außer Ratespaß nichts, nicht einmal ein kostenloses Probeabo. Das ist im Rechnungswesen immer so.

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1 Kommentar

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Die Quizfrage weiter ungelöst zu lassen, würde mich vermutlich den ganzen Tag noch wurmen, deshalb: Die Wilhelmstraße in Berlin beherbergt den Sitz des Finanzministeriums.

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