Corona-Zahlenvergleiche und kriminologische Dunkelfeldforschung

von Prof. Dr. Henning Ernst Müller, veröffentlicht am 29.03.2020
Rechtsgebiete: Corona1015|27232 Aufrufe

Dieser Beitrag stammt vom 29. März 2020. Er wurde und wird regelmäßig aktualisiert durch Updates, die unten angehängt sind.

Seit Wochen starren wir alle auf die Infektionszahlen und die Zahl der Todesfälle, überlegen uns, wie Deutschland im Vergleich zu Italien, Frankreich, USA, Südkorea etc. dasteht, sprechen über Exponentialfunktion usw. Seit Wochen denke ich, dass diese Infektionszahlen eigentlich überhaupt nichts aussagen können, denn sie sind weitestgehend eine Funktion der Rate und der Selektion der Messung.

Die täglich angegeben Zahl der Infizierten ist in etwa so verlässlich wie die Zahl der Betäubungsmitteldelikte in der Kriminalstatistik: Wenn niemand die BtM-Delikte kontrolliert und aufzeichnet, dann GIBT es sie offiziell einfach nicht. Und wenn die Polizei damit beginnt, BtM-Straftaten zu verfolgen und Personen auf Btm zu kontrollieren, dann sind die Fall- und die  Tatverdächtigenzahlen in der polizeilichen Kriminalstistik komplett davon abhängig, wie viele Polizeibeamte wo und wen kontrollieren, wiederum auch abhängig davon, wie die Polizeibeamten ausgerüstet werden und wie motiviert sie bei den Kontrollen sind.

Übertragen auf COVID19: Die Anzahl (wie viele werden überhaupt getestet?) und die Verteilung (wer wird getestet?) der Tests ist derzeit  national, regional, gesundheitspolitisch und faktisch so unterschiedlich und Maßstäbe wie Selektionskriterien ändern sich im Zeitverlauf so stark, dass die Zahl der positiv Getesteten für die derzeitigen Ländervergleiche objektiv praktisch wertlos ist.

Wenn die Zahlen ansteigen, KANN es theoretisch daran liegen, dass die Infektionen tatsächlich häufiger sind, aber es kann genauso daran liegen, dass man mehr Personen getestet hat oder die Selektionskriterien verändert hat, dass man stärker als vorher in einer betroffenen Region testet oder stärker eine andere Altersgruppe oder dass es leichter geworden ist für Personen, die sich krank fühlen, beim Hausarzt getestet zu werden. Anders als das RKI jetzt angekündigt hat, ändert sich an den Verzerrungen auch nichts dadurch, dass man einfach die Anzahl der Tests erhöht: Neue Kriterien machen Vergleiche zur vorherigen Situation noch schwieriger, wenn nicht unmöglich, und sie können die Realitätsabbildung sogar noch stärker verzerren.

Wir starren also auf Kurven, deren Datengrundlage anhand der Messkriterien einfach viel zu unterschiedlich ist und sich noch dazu auch innerhalb eines Staates nahezu täglich ändert, zB hinsichtlich der Verfügbarkeit und Distribution von Tests und Laboratorien. Noch dazu hinken die Ergebnisse einige Tage der Testung hinterher - in den einzelnen Ländern und Regionen unterschiedlich lange verzögert.

Diese täglichen Vergleiche sind deshalb m.E. komplett sinnlos.

Sinnvolle Vergleiche wären möglich, wenn in jedem Land bzw. in jeder betr. Region eine repräsentative Stichprobe von allen Einwohnern  gezogen und getestet würde (ich schätze 1000 Personen würden in einer Region ausreichen, deren Betroffenheitsgrad vorher bestimmt wurde, für die ganze Bundesrepublik müsste ein weit größere Stichprobe gezogen werden, siehe Diskussion unten), und zwar in regelmäßigen ca. 48-stündigen Abständen: Denn allein daraus, aus einer repräsentativen Stichprobe, die Region, Geschlecht, Alter der Gesamtbevölkerung abbildet, könnten Schlüsse darauf gezogen werden, wie hoch die Infektionsrate tatsächlich ist, wie stark sie steigt und wie viele Infizierte voraussichtlich schwer erkranken, also hospitalisiert oder beatmet werden müssen oder sterben. Schließlich lässt sich nur so ermitteln, ob diese Kurve der Neu-Infizierten aufgrund der getroffenen Maßnahmen abflacht. Denn auch dies lässt sich mit den derzeitigen Messungen gar nicht ermitteln: Solange nicht jeder getestet wird/werden kann oder zumindest eine repräsentative Stichprobe von allen, werden selbst bei Absinken der tatsächlichen Neuinfektionsrate die gemessenen Infektionszahlen noch ansteigen, denn man schöpft dann nur das (bisher nicht getestete) Dunkelfeld aus.

Warum die WHO eine solche repräsentative Stichprobe nicht anregt oder verlangt (nicht einmal von den großen Industriestaaten), ist ein Rätsel. Denn nur so ließe sich der Status und die Entwicklung der Pandemie einigermaßen zuverlässig ermitteln.

Solange es solche repräsentativen Studien nicht gibt, könnte ein anderer Vergleich der zugänglichen Daten nützlich sein, so wie es auch in der Kriminologie etwa bei internationalen Vergleichen erfolgt. So wird für den Vergleich der Gewaltprävalenz die Tötungsrate international verglichen, also die vorsätzlichen Tötungen im Verhältnis zur  Bevölkerung, also (relativ besser) messbare „hard facts“, die nicht praktisch zu 80 bis 90 % von der Selektion bei der Messung abhängen.

Ein einigermaßen hartes Faktum ist die SterbeRATE in der Bevölkerung. Wir können in den westlichen Gesundheitssystemen jedenfalls davon ausgehen, dass die Todesfälle durch COVID19 zwar nicht perfekt, aber wesentlich besser und objektiver erfasst werden als die tatsächlichen Infektionszahlen. Noch besser wäre es, die Zahl der schwer Erkrankten zu vergleichen, denn die Sterbefälle hängen wegen der unterschiedlichen Gesundheitssysteme ja auch davon ab, wie gut oder schlecht eine Gesellschaft mit der Pandemie umgehen kann (Stichwort: Intensivbetten, Beatmungsgeräte).

Im Netz habe ich nur eine Stelle gefunden, die die Todesraten für die westlichen Industriestaaten regelmäßig auswertet und in Beziehung setzt. Kevin Drum ist ein Blogger aus Kalifornien, der neun Staaten miteinander vergleicht Ein keineswegs perfekter Vergleich, dessen Aussagekraft aber m.E. etwas besser einzuschätzen ist.

Zu beachten sind folgende Setzungen:

1. Die Todeszahlen werden jeweils auf die Gesamtbevölkerungszahl bezogen (und nicht, wie üblich, auf die Zahl der gemessenen Infizierungen).

2. Es wird der Vergleichs-Nullpunkt jeweils bei 1 Todesfall pro 10 Millionen der Bevölkerung gesetzt (und nicht wie üblich, ab dem Zeitpunkt einer aufgrund relativ willkürlicher Testraten angenommenen Anzahl der Infektionen.

3. Die Italienkurve wird zum Vergleich herangezogen, weil dort relativ früh ein Sterbefall pro 10 Million Bevölkerung aufgetreten ist und alle anderen westlichen Staaten einige Tage oder Wochen hinterherlaufen.

Was sind nun die Erkenntnisse aus diesem Vergleich (27.03.2019)?

a) anders als alle anderen feststellen: Deutschland steht (bisher) nicht wesentlich besser da als Italien. DE ist vielmehr mit ITA auf derselben Linie wie Frankreich, Schweden und UK. Erst die kommenden Wochen werden zeigen, ob DE tatsächlich die Krise so viel besser bewältigt als ITA.

b) Die Schweiz steht überraschend gut da, Spanien viel schlechter als ITA.

c) USA und Canada stehen in dieser Statistik derzeit– noch – gut da, sogar besser als Deutschland.

Einwände, wie etwa das  Dunkelfeld der ungetestet/unbehandelt am Virus Verstorbenen sind allerdings auch hier in Rechnung zu stellen. Erst nach der Krise wird man an der Steigerung der Sterblichkeit im Jahr 2020 weitere Einschätzungen treffen können, auch was die mittelbaren Sterbefälle (durch allg. Überlastung des jew. Gesundheitssystems) angeht.

Update (31.03.):

Ich habe als Bild oben die neuere Grafik von Kevin Drum eingefügt (Stand ist jetzt 30.03.):

a) auch in Deutschland steigen die Sterberaten zwar, aber sie bleiben jetzt etwas niedriger als in Italien im verglichenen Zeitpunkt. Frankreich und UK sind in etwa auf demselben Pfad wie ITA

b) Die Schweiz bleibt bei den Sterbezahlen unter der Vergleichskurve Italiens - dies könnte in etwa der Pfad sein, der sich auch in DE zeigen wird (CH ist in diesem Vergleich neun Tage voraus).

c) In USA steigen die Sterbezahlen an, liegen aber noch deutlich unter der Italienkurve.

Was allerdings diese Kurvenvergleiche nicht abbilden (können), ist, wie sich das Virus innerhalb der einzelnen Staaten verbreitet. Besonders gefährlich ist es dort, wo viele Risikogruppenangehörige  infiziert werden - dort steigen auch die Sterberaten erheblich. Sind dies begrenzte Regionen innerhalb eines Staatsgebildes, dann zeigt sich dies kaum in der Sterblichkeitsrate für den Gesamtstaat. Dies zeigt sich etwa in den USA, aber auch in China (das in dieser Grafik nicht enthalten ist). Man müsste für diesen Vergleich dann kleinere Einheiten verwenden, also etwa den Staat New York oder die Provinz Hubei.

 

Es wird nun unter Leitung des Virologen Streeck zumindest in dem ersten deutschen Infektionscluster Heinsberg eine repräsentative Panel-Studie mit 1000 Personen durchgeführt, Es werden damit nicht nur die (bisher) getesteten und positiven Fälle bei Infektionsverdacht erfasst, sondern eine repräsentative Stichprobe aus dem gesamten Landkreis. Dies geht deutlich in die Richtung, die ich oben angedeutet habe, auch wenn sie natürlich keinen Vergleich zwischen verschiedenen Bundesländern und schon gar nicht Staaten ermöglicht. Wünschenswert wäre zumindest eine weitere repräsentative Pilotstudie in einem bisher unauffälligen Landkreis und ähnliche Panel-Studien in zwei Städten. Aber man kann nicht alles haben. Die Kritik daran, dass man nicht schon vorher repräsentative Studien durchgeführt hat, teile ich.

Update (3. 4. 2020):

Es ist nun mind. eine weitere Studie geplant, die das Dunkelfeld aufhellen soll, berichtet der Spiegel heute.

Update (6.4.2020):

Ich habe die Grafik von Kevin Drum aktualisiert.
Fortschreibung der vorher genannten Entwicklungen:
a) die Sterberaten in DE bleiben deutlich unter denen von Italien, sie sind auch besser als die Entwicklung in der Schweiz

b) Frankreich und UK liegen nun etwas über der Kurve von Italien, Schweden etwa gleichauf

c) Die USA bleiben bislang unter der Kurve von Italien, scheinen aber "aufzuholen"

d) Spanien zeigt die schlimmste Entwicklung der neun verglichenen Staaten, Canada die beste.

Update (7.4.2020)

Auszug aus einem Thesenpapier von Schrappe u.a. vom 5. April (Aerztezeitung dazu):

These 1.1. Die Zahl der gemeldeten Infektionen hat nur eine geringe Aussagekraft, da
kein populationsbezogener Ansatz gewählt wurde, die Messung auf einen
zurückliegenden Zeitpunkt verweist und eine hohe Rate nicht getesteter (v.a.
asymptomatischer) Infizierter anzunehmen ist.
1. Die Zahl der täglich beim RKI gemeldeten Fälle wird in hohem Maße durch die
Testverfügbarkeit und Anwendungshäufigkeit beeinflusst.
2. Unter Berücksichtigung dieser anlassbezogenen Teststrategie ist es nicht
sinnvoll, von einer sog. Verdopplungszeit zu sprechen und von dieser Maßzahl
politische Entscheidungen abhängig zu machen.
3. Die Darstellung in exponentiell ansteigenden Kurven der kumulativen Häufigkeit
führt zu einer überzeichneten Wahrnehmung, sie sollte um die Gesamtzahl der
asymptomatischen Träger und Genesenen korrigiert werden.
4. Die Zahl der gemeldeten Fälle an Tag X stellt keine Aussage über die Situation
an diesem Tag dar, sondern bezieht sich auf einen Zeitpunkt in der Vergangenheit.
5. Ungefähr zwei Drittel der Infizierten werden zu diesem Zeitpunkt nicht erfasst.
6. Überlegungen zu populationsbezogenen Stichproben (Nationale Kohorte)
müssen intensiviert werden.

Die These entspricht weitestgehend meiner Kritik oben.

Update (9.4.2020)

Grafik von Kevin Drum aktualisiert.

Aus der Berichterstattung über erste Ergebnisse aus der oben erwähnten Heinsberg-Studie:

Das sind die ersten, aber schon repräsentativen Zwischenergebnisse:

  • Bei 15 Prozent der untersuchten Bewohner Gangelts konnte eine Infektion nachgewiesen werden.
  • Die Wahrscheinlichkeit, an der Krankheit zu sterben, liegt in Gangelt bei 0,37 Prozent.
  • Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Letalität aktuell laut der Johns-Hopkins-Universität bei 1,98 Prozent - also fünf Mal höher.

An der Pilotstudie, bei der es darum ging mehr über die Dunkelziffer des Virus und Übertragungswege herauszufinden, nahmen Streeck zufolge mehr als 1000 Bewohner teil. Die Untersuchung basierte auf Fragebögen, Rachenabstrichen und Blutentnahmen (zum Test von Antikörpern, die auf eine Immunität hinweisen).

Update (11.4.2020)

Inzwischen wird die Heinsberg-Studie stark kritisiert, zum einen wegen der frühen Veröffentlichung mittels einer Art Medienkampagne, zum anderen wegen (angeblicher) methodischer Fehler zum dritten, weil sie nichts wesentliches aussage über Deutschland insgesamt.

Ich habe im Moment eine ganz andere Kritik, die daran anknüpft, was die Studie als Zwischenergebnis aussagt: Unabhängig davon, ob diese oben geäußerten Kritikpunkte zutreffen, denke ich, dass dieses Zwischenergebnis nicht stützt, zu welcher politischen Aussage es jetzt verwendet wird oder werden soll: Es sind aus diesen Zahlen m.E. keine Argumente für oder gegen "Lockerungen" zu entnehmen. Es lassen sich insbesondere zwei Nachrichten/Botschaften entnehmen, die sich in der Richtung widersprechen.

1. Die - eingeschränkt - gute Nachricht:  Das Virus wäre (wenn die Ergebnisse bestätigt werden können) weniger tödlich als bislang von vielen angenommen. Ob das auch auf die Gefährlichkeit zutrifft, dazu müsste auch noch die Hospitalisierungsrate genannt werden, denn wenn die Erkrankten nur aufgrund besonders guter Kliniken gerettet werden können, dann sagt uns diese Sterberate noch nicht viel über die weltweite Gefährlichkeit im Sinne von schwerer Erkrankung.

2. Die schlechte Nachricht: Selbst in Heinsberg sind erst 15 % der Menschen infiziert. Das bedeutet hochgerechnet, dass in Deutschland wohl weit weniger infiziert sind (1 %?) und das bedeutet wiederum, dass wir noch sehr weit entfernt snd von einer Herdenimmunität, da noch 99 % der Menschen infiziert werden können, wenn wir nicht auf Distanz gehen.

Also: Vorsicht ist geboten, sowohl bei  der Interpretation der Daten als auch bei politischen Konsequenzen.

Update (13.04):

Ich habe die Diagramme von Kevin Drum nochmal neu eingefügt. Es zeigt sich bei den Sterberaten in DE (bezogen auf die Bevölkerung!) ein hoffnungsvoller "Knick" seitwärts.

Einiges, was ich oben im Beitrag geschrieben habe, sieht auch Prof. Vogt, ein Schweizer Virologe, ähnlich, in einem sehr lesenswerten Beitrag, der insbes. auf die Schweizer, aber auch auf die europäische Reaktion und Situation insgesamt eingeht und die politischen Versäumnisse klar herausstellt, hier:  Quelle: Mittelländische

Update (17.04.):

Habe die Diagramme von Kevin Drum aktualisiert. Die Todesraten und ihr Wachstum unterscheiden sich nun stark. Deutschland und Kanada liegen recht gut - ein  Abflachen der Kurve in Deutschland ist zu erkennen, Schweden und USA sind aber offenbar noch nicht am "Peak" der Sterbezahlen angekommen, auch Frankreich macht keinen sehr hoffnungsvollen Eindruck.

Beachten Sie (neben der Kurvenentwicklung) auch die Sterbefälle pro Million der Bevölkerung.

Mein Monitum, dass Dunkelfeldstudien erforderlich seien, wird inzwischen von fast allen geteilt, auch - reichlich spät, finde ich - vom RKI: Pressemitteilung vom 9. April 2020.

Auch Kollegen von meiner Universität haben sich  in dem Sinne geäußert, wie ich es oben angedeutet habe (Auszug aus der Pressemitteilung, die Hervorhebung stammt von mir):

Peterhammers Studie legt die Vermutung nahe, dass um den 20. März 2020 herum die tatsächlichen Infektionen in Deutschland über die Kapazitäten für positive Tests hinausgewachsen sind. Ab diesem Zeitpunkt ist in der Verlaufskurve der Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 eine deutliche Verlangsamung festzustellen. Der Grund für diese Stagnation liege jedoch nicht darin, dass die politischen Maßnahmen gegriffen hätten - ein positiver Effekt durch die Schließung von Kitas, Schulen und Geschäften sowie durch das Social Distancing hätte sich erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt in den gemeldeten Zahlen niederschlagen können, erläutert Peterhammer. Vielmehr sei es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich gewesen, die tatsächlichen Neuinfektionen mithilfe der Testmethoden zu erfassen. Laut Studie spiegelten die gemeldeten Infektionen derzeit vermutlich nicht länger die tatsächlichen Fälle wider, sondern lediglich die Nachweiskapazitäten.

Felix Peterhammer spricht sich dafür aus, für die Überprüfung der Maßnahmen groß angelegte Zufallstests in der Bevölkerung durchzuführen - ähnlich wie bei Wahlumfragen könnte das Ergebnis anschließend auf die gesamte Bevölkerung hochgerechnet werden. Verdachtsabhängig sollte nur noch dort getestet werden, wo es medizinisch notwendig und sinnvoll ist, zum Beispiel bei schwer Erkrankten oder bei Klinikpersonal.

Update 20.04.2020:

Kevin Drum hat in seinem Blog die Darstellungsweise verändert. Er will nun zeigen, welche Länder anhand der Todesfallzahlen schon am Höhepunkt (peak) der Kurve angekommen sind bzw. diesen überschritten haben. In seinen Grafiken (unteres Bild) wird ein 6-Tages-"rolling average" verwendet, d.h. es wird jeweils der Durchschnitt der letzten 6 Tage angezeigt, um die Ausschläge täglicher Abweichungen etwas auszugleichen. Zu beachten ist, dass die Grafiken in den Zeilen verschiedene Skalen benutzen.

Um die frühere Aussage weiter zu ermöglichen, habe ich die gemeldeten Todesopferzahlen derselben neun Staaten mit der App "shinyapp" in einem Diagramm vereint (oberes Bild). Hier zeigt sich nun deutlich, wie stark die Staaten sich unterscheiden: Spanien leider außer Konkurrenz hoch, Italien, Frankreich und UK in etwa auf demselben Pfad, die USA, Schweiz und Schweden etwa gleichauf, Deutschland und Canada ebenfalls ungefähr gleichauf mit den niedrigsten Werten.

Bei shinyapp können Sie selbst weitere Grafiken erstellen und beliebige Staaten vergleichen.

 

Update 23.04.2020:

1. In einem Artikel auf der Seite von üben Sozialwissenschaftler unter dem Titel:

"Lockdown im Blindflug Was bei den Corona-Studien derzeit alles falsch läuft"

ebenfalls methodische Kritik an der bisherigen Datenbasis zur Coronakrise und es werden repräsentative Studien gefordert, Zitat:

Die Sozialwissenschaftler Menno Smid von Infas und Prof. Rainer Schnell von der Universität Duisburg-Essen beobachten immer noch eine Fixierung auf die Zahl der Infizierten. Diese sind nicht nur irreführend, weil in jedem Land zu anderen Zeitpunkten der Erkrankung und nach anderen Maßstäben getestet wird. Der Unterschied auf den Anteil der Verstorbenen im Verhältnis zu den Infizierten, erklärt sich daraus. Es handelt sich laut Schnell auch um eine „selbstrekrutierte Stichprobe“ – getestet wird nur wer Symptome zeigt –, die wenig aussagekräftig ist.

Auch die bisherigen repräsentativen Studien wiesen erhebliche methodische Mängel auf. Die geplante Studie in München sei zwar grundsätzlich geeignet, jedoch wird an der Erhebung unter Polizeibegleitung Kritik geübt:

Diese Vorgehensweise sei wohl gewählt worden, um die Unbedenklichkeit und Seriosität zu verstärken. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive entstehe so jedoch ein verfälschender Interviewereffekt, so Schnell. Schließlich ist die Teilnahme freiwillig und mancher Bürger könnte sich von dem Polizeischutz abgeschrecken lassen. Dann ist es aber wiederum nicht mehr zufällig, wer mitmacht.

2. Auf der Seite "coronasoziologie.net"  findet sich ein Artikel der beiden vorgenannten Soziologen, in denen die methodischen Problem noch einmal näher erläutert werden.

3. Ich selbst habe meine Überlegunegn noch einmal in einem Interview mit der Pressestelle der Uni Regensburg zusammengefasst. Das Interview ist auf der Homepage der Uni verfügbar.

 

Update 24.04.2020:

1. Ich habe die Grafiken/Diagramme oben aktualisiert, auch wenn es zunehmend Kritik auch an der Zuverlässigkeit der täglichen Sterbezahlmeldungen gibt (siehe dazu 2.).

Die Entwicklung der Daten anhand der vorhandenen Sterbezahlen zeigt die Fortführung der bisherigen "Kurven" bei den neun beobachteten Staaten, mit einer Ausnahme: In Schweden zeigt sich ein stärkerer Zuwachs als in USA und Schweiz. Schweden erhält ja ganz besondere Beachtung, weil dort deutlich weniger  Distanzmaßnahmen behördlich angeordnet wurden als in den anderen europäischen Ländern. 

2. Nach meinem Interview, das auf der Homepage der Universität Regensburg veröffentlicht wurde, erreichte mich die Post eines örtlichen Kollegen aus den Humanwissenschaften, der wesentlich detaillierter ganz ähnliche Kritik an den offiziellen Infektionszahlen formuliert hat. In seinem Aufsatz "The Scenario of a Pandemic Spread of the Coronavirus SARS CoV 2 is Based on a Statistical Fallacy" hat Christof Kuhbandner  (hier die Pre-Print-Publikation, hier ein deutschsprachiger Beitrag auf scilogs, der sich auf die deutsche Situation bezieht) sich intensiv mit den Daten auseinandergesetzt und ebenso wie ich konstatiert er, dass die Infektionszahlen im Wesentlichen das Testgeschehen und nicht das Infektionsgeschehen wiedergeben.

Zitat:

since the number of conducted coronavirus tests has rapidly increased over time as well, the apparent increase in infections may actually reflect increased testing, rather than a rapid spread of the coronavirus. To examine this issue, data from Austria, Belgium, France, Germany, Italy, and USA were analyzed. In all countries, the rapid increase in reported new infections was largely attributable to the rapid increase in conducted tests. Statistically controlling for the increased amount of testing revealed that the increases in reported infections dramatically overestimate the true increases in every country.

Seine dazu angestellten Überlegungen sind plausibel und entsprechen meiner Vermutung: Die Steigerung der Infektionszahlen ist mehr oder weniger einer zunehmenden Ausschöpfung des Dunkelfelds geschuldet. Da wir die Größe des jeweiligen  Dunkelfelds aber nicht kennen und die Selektionskriterien (für die Durchführung von Tests) sich zeitlich, regional und  international unterscheiden, halte ich eine korrigierte Berechnung der "wahren Infektionszahl" auf Grundlage der positiv Getesteten für weniger überzeugend.

Aber nicht nur das erörtert er in dem Aufsatz. Kuhbandner formuliert auch Kritik an der Todesfallzahlstatistik, denn auch diese sei von der Erhöhung der Testzahl betroffen. Wenn die meisten Erkrankten etwa erst kurz vor dem Tod positiv getestet wurden, werde die tatsächliche Todesursache möglicherweise verdeckt, da das Coronavirus noch gar nicht hätte so lebensgefährlich wirken können. Argument für diese Schlussfolgerung sieht er darin, dass die Todesfallzahlen in den Statistiken gleichzeitig mit den Infektionszahlen ansteigen, obwohl biologisch eine Zeitverzögerung zu erwarten sei. 

Diese Kritik an der zuverlässigen Todesfallstatistik lässt mich natürlich aufhorchen: Wenn sie zuträfe, wäre meine Annahme unzutreffend, dass das "harte Faktum" des Todesfalls die Ausbreitung der Epidemie tendenziell besser reflektiert als die Infektionszahlen. Und noch eine andere Kritik hat mir der Kollege zukommen lassen (scilogs): Die vom RKI täglich gemeldeten Todesfälle stammten ohnehin aus den letzten 14 Tagen, die Mehrheit der gemeldeten Todesfälle sei schon vor mehr als einer Woche eingetreten. Nach seiner Berechnung sei daher der "Peak" der Sterbefälle schon so früh zu verorten (Anfang April), dass die Mitte März ergriffenen Distanzmaßnahmen und Schulschließungen diesen Rückgang gar nicht erklären könnten.

Hierzu habe ich mir noch keine abschließende Meinung gebildet, auch wenn ich den Einwand der (möglicherweise auch international stark abweichenden) Meldeverzögerung ad hoc nicht zurückweisen kann.

Update 28.04.:

Die beiden Grafiken habe ich aktualisiert. Inzwischen ist zu erkennen, dass sich Schweden deutlich von den beiden Staaten USA und Schweiz, mit denen es bislang in etwa auf gleicher Höhe lag, nach oben absetzt. In allen Staaten (außer Canada) zeigt sich inzwischen ein Rückgang der Todesfälle bzw. eine Plateaubildung (Schweden). Canada hat Deutschland inzwischen eingeholt bzw. überholt. Von den neun verglichenen Staaten hat Deutschland die Krise (bezgl. der Todesraten) bislang am besten bewältigt. Ob es an den Maßnahmen liegt oder schlicht am bisherigen Glück, lässt sich kaum ermessen. Die meisten anderen Staaten haben ja ähnliche oder sogar schärfere Maßnahmen ergriffen.

In einem Artikel in der Taz wird angesichts der Übersterblichkeitsstatistiken in einigen europäischen Staaten vermutet, dass das Virus schon viel mehr Todesfälle verursacht hat als bislang bekannt. Ich habe die zugrundeliegenden Statistiken aus der New York Times oben eingefügt.

Hinsichtlich der tatsächlichen Infektionszahlen und damit auch der tatsächlichen Sterblichkeit des Virus (IFR) wissen wir bislang mangels repräsentativer Studien immer noch nicht viel.

Update 30.04.:

Die Grafiken habe ich erneut aktualisiert. Nun ist auch Schweden (endlich!) "über den Berg", was die täglichen Todeszahlen angeht. Es bleibt aber dabei, dass der von manchen als so erfolgreich angesehene "schwedische Weg" (ob durch Pech oder durch unkluges Verhalten oder durch eine Kombination aus beidem) bislang deutlich mehr Opfer gekostet hat als in den Nachbarländern und auch als in Deutschland. Canada hat nun (auf Bevölkerung berechnet) ebenfalls recht eindeutig Deutschland überholt. Falls es nicht zu einer "zweiten Welle" kommt, ist Deutschland dann (durch Glück oder durch kluges Verhalten oder durch eine Kombination aus beidem) in diesem Neun-Nationen-Vergleich am besten davon gekommen. Natürlich gibt es jetzt Viele, die meinen, sie hätten schon immer gewusst, dass ein Lockdown gar nicht nötig sei, weil das Virus ja gar nicht soo gefährlich gewesen sei. Ja, hinterher kann man das immer behaupten. Auch das ist aus der Kriminologie bekannt: Erfolgreiche Prävention lässt sich schwer nachweisen und wird auch selten gelobt.

Hier ein aktuelles Interview, das ich der Bayerischen Staatszeitung gegeben habe: Interview vom 28.04..

Update 6.5.2020:

Ich habe das mit shinyapps erstellte Diagramm sowie das von Kevin Drum aktualisiert. Es ist nun erkennbar, dass die (tägl.) Todeszahlen in Spanien, Frankreich, Italien, UK, Schweiz,  Deutschland und (eingeschränkt) Schweden mittlerweile deutlich rückläufig sind. In  Canada und USA zeigt sich zwar auch eine gewisse "Plateaubildung", aber noch kein so deutlicher Rückgang (Diagramme von Kevin Drum). In den kumulierten Todeszahlen (pro Bevölkerungseinheit) bis heute steht Deutschland unter den neun verglichenen Staaten am besten da, auch Canada hat inzwischen deutlich mehr Tote (auf Bevölkerungsgröße berechnet) zu beklagen (shinyapps-Diagramm)

Da jetzt in allen Staaten gewisse "Lockerungen" der vorher unterschiedlich massiven Einschränkungen vorgesehen sind, wird sich wohl über kurz oder lang der bislang eigenwillige "schwedische Weg" überall durchsetzen. Ob und wie sich das auf die Sterberaten auswirkt, muss dann beobachtet werden. Wegen der immer noch deutlich unterschiedlichen Testkriterien (wer, wann und wo wird getestet) halte ich die Todesraten immer noch für einen besseren Vergleichsmaßstab. Aber auch hier ist weiterhin wegen der unterschiedlichen Zuordnung eines Todesfalls zur Ursache "COVID-19" Vorsicht geboten. Auch wenn inzwischen zeitlich etwas überholt, lasse ich auch die Statistiken zur Übersterblichkeit aus der New York Times noch stehen.

Meine Interpretation, dass es nach wie vor - trotz vorhandener Testkapazitäten für repräsentative Stichprobentests - selektive (und nicht unbedingt überall gleich ausgeführte) Testkriterien sind, die zu einem Test führen, die das wirkliche Infektionsgeschehen nicht wiedergibt, wird vom RKI aktuell bestätigt (Quelle: Tagesschau):

Das Robert Koch-Institut teilte vergangene Woche auf Anfrage mit, nicht unmittelbar in die Testungen involviert zu sein. Es lege lediglich die Kriterien fest, bei denen Ärzte einen Corona-Test vornehmen sollen. Bisher war die Linie, dass nur Personen getestet werden sollen, die grippeähnliche Symptome haben und gleichzeitig Kontakt zu einem Infizierten hatten. Von dieser Linie ist das RKI inzwischen abgewichen. Jetzt sollen auch Patienten "bei kleinsten Symptomen" getestet werden, wie Wieler auf einer Pressekonferenz mitteilte.

Gleichzeitig hält das RKI aber an einem "strategischen Testen" fest, da ein wahlloses Testen wenig bringe. Zu einem strategischen Testen gehöre es aber auch, gezielt in Alten- und Pflegeheimen und in Krankenhäusern zu testen, so Wieler.

Anmerkung: Was viele empirisch forschende Wissenschaftler fordern, ist natürlich kein "wahlloses" Testen, sondern Studien an Stichproben, die insgesamt ein repräsentatives Bild des Infektionsgeschehens in Deutschland ergeben, also nicht nur Gangelt oder München abbilden. 

Hier noch ein Zitat des Bloggers Kevin Drum, der auf einen Vergleich der Infektionszahlen der US-Bundesstaaten diese Antwort findet:

 I continue to think this is probably highly misleading since different states have vastly different testing regimes. If, say, New York is testing 1 percent of its population and Florida is testing 0.1 percent, then New York will overwhelm the total regardless of who’s going up and who’s going down. Likewise, as testing becomes more widespread, looking at cases over time becomes unreliable even within a single state. The case rate can look like it’s skyrocketing just because we’re testing far more people.

Update 8.5.2020

Ich habe die Diagramme aktualisiert (Datenstand 6.5./7.5.).

Zu erkennen ist nun, dass die Todeszahlen in UK trotz Verlangsamung des Zuwachses über die von Italien hinaus gehen, und die Zuwächse in Schweden, Kanada und USA nur zögerlich bzw. nicht stabil nach unten gehen. Deutschland steht weiterhin unter den neun verglichenen Staaten ziemlich gut da, die täglichen Todesfälle durch corona sind auf ein recht niedriges Niveau gesunken, tödliche Infektionen sind also in Deutschland vergleichsweise selten geworden. Man kann das m.E. durchaus den maßnahmen zuschreiben, wobei unklar ist, welche Maßnahmen genau den Effekt ausgelöst haben, welche Bedeutung der Zeitpunkt der Maßnahmen hat und wie hoch daneben der Anteil von "Glück" bzw. "Pech" ist, also welche Rolle auch der Zufall spielt (etwa ob wegen ihrer Alters- und Gesundheitsstruktur besonders vulnerable Gegenden oder Institutionen betroffen sind oder nicht).

Erfreulicherweise ist jetzt von örtlichen Kolleg-inn-en eine weitere repräsentative Studie geplant, die im Landkreis Tirschenreuth stattfinden wird. In Bayern würden dann immerhin zwei solche Studien durchgeführt werden, neben der Metropolenstudie in München auch eine in der dünner besiedelten Oberpfalz.

Update 09.05.2020

1. Gingen die Infektionszahlen schon zurück, bevor die Maßnahmen greifen konnten?

Schon oben (Update vom 24.04.) habe ich auch die Thesen meines Regensburger Kollegen Kuhbandner diskutiert. Ich stimme ihm zu (bzw. er mir), dass die Infektionszahlen selbst nicht zur Einschätzung der wahren Lage taugen: Je mehr man testet, desto mehr findet man, soweit unser übereinstimmednes Fazit. Er hat dazu in seinem Artikel auf Telepolis (25.04.) ein anderes Beispiel gebracht, das aber auch sehr anschaulich ist: Bei einer bestimmten Anzahl  im Garten versteckter Ostereier, werden umso mehr gefunden, je mehr Zeit man den Suchenden einräumt. Es wäre unsinnig, aus der gefundenen Anzahl auf die tatsächliche Anzahl der versteckten Eier zu schließen. Wenn man jeden Tag mehr Zeit einräumt und mehr Eier findet, folgt daraus nicht, dass jeden Tag mehr Eier versteckt gewesen seien.

Kuhbandner versucht dann in einem weiteren Schritt aus der Testanzahl auf die wahre Steigerung der Infektionszahlen (im Dunkelfeld) zu schließen, und kommt zum Ergebnis, die tatsächlichen Infektionszahlen seien schon rückläufig gewesen, bevor die Maßnahmen überhaupt greifen konnten. Und da folge ich ihm nicht mehr: Das Dunkelfeld hat seinen Namen nicht umsonst. Es ist eben dunkel. Und aus meiner kriminologischen Erfahrung weiß ich, dass Schlussfolgerungen aus dem Hell- auf das Dunkelfeld methodisch höchst problematisch sind, auch wenn man versucht, die Verzerrungen des Hellfelds irgendwie in den Griff zu bekommen. Man ist dann nämlich darauf angewiesen, dass diese Verzerrungen (hier: Testkriterien und deren Anwendung) gleichförmig bleiben, so dass man sie statistisch auch über einen längeren Zeitraum hinweg herausrechnen kann.  Das weiß auch Kuhbandner und er versucht diese Gleichförmigkeit der Testkriterien zu reklamieren, doch hat er meines Erachtens dabei dreierlei verkannt:

a) Zwar mag das RKI die immer gleichen Selektionskriterien anwenden WOLLEN, wann wer getestet wird, aber ob dies (insbesondere bei Ausweitung der Testkapazitäten) tatsächlich in derselben Strenge eingehalten wird, erscheint mir sehr fraglich. Die Kapazitäten sind regional unterschiedlich und selbstverständlich wird das Signal ("wir sind knapp" oder "wir haben ausreichend Kapazitäten") von den Ärzten, die einen Test vor Ort vornehmen, so verstanden, dass sie ihr Ermessen, wann hinreichend Symptome vorliegen, entsprechend steuern sollen und dies auch können. Vergleich zur Kriminologie: Auch unter den bundesweit gleichen Kriterien für einen Anfangsverdacht finden wir deutlich unterschiedliche Praxen des polizeilichen Vorgehens zwischen versch. Bundesländern und erhebliche Stadt/Land-Unterschiede, ganz zu schweigen von örtlichen Unterschieden, sogar im selben Landkreis.

b) Anders als Kuhbandner annimmt, haben sich die Kriterien, wann wer wo getestet wird, auch aus Sicht des RKI gewandelt. Insbesondere werden inzw. auch sehr viele Menschen getestet, die beruflich ein höheres Infektionsrisiko tragen, ganz ohne Symptome.

c) Symptome werden nicht von Überwachungsgeräten, Robotern, Drohnen oder ähnlichem festgestellt, sondern von den betroffenen Menschen selbst. D.h. es hängt sowohl das Meldedatum als auch die Meldung überhaupt davon ab, ob jemand die Symptome bei sich selbst als Corona-verdächtig einschätzt, ob er einen schnellen Draht zu seinem Hausarzt hat, ob er seine Familie und Kollegen damit behelligen möchte etc., insgesamt von vielen Faktoren, die wir aus der Kriminologie als "Anzeigebereitschaft" kennen und die individuell sehr verschieden sein können (und damit meine ich wörtlich SEHR). Ich würde vermuten, dass zumindest zu Beginn die Angst Viele dazu getrieben hat, schon bei leichtem Husten ihren Hausarzt zu nerven mit Testforderung. Mit Symptomen, die früher niemanden überhaupt zum Arztbesuch gebracht hätten. Inzwischen aber mag diese Sorge bei Vielen einer anderen gewichen sein (ich müsste dann in Quarantäne, kann ich mir das leisten, meiner Familie zumuten?).

d) Es werden nicht nur anzeigebereite  Menschen mit Symptomen getestet, sondern auch - in unterschiedlichem Maße - Kontaktpersonen derselben. Und das bedeutet, auch hier hängt es stark davon ab, wie viele solcher Kontaktpersonen jemand hat und an wie viele er sich erinnert. Auch das ist nicht irgendwie vergleichbar mit einer Zufallsstichprobe. Die Rate zwischen symptomatisch Infizierten und ihren Kontaktpersonen kann sogar erheblich von Woche zu Woche verschieden ausfallen.

Soweit meine Einwände. Aus den methodisch unrichtig ermittelten Infektionsdaten kann man mE nicht korrektere Daten errechnen. Es KANN so sein wie Kuhbandner schließt, es kann aber auch ganz ANDERS sein.

2. Noch ein paar Bemerkungen  zur Kritik an den Maßnahmen und  an der politischen Bewältigung der Krisensituation überhaupt:

Dass es keine  Tests an repräsentativen Stichproben gibt, habe ich im obigen Beitrag seit dem 29. März angemahnt. Inzwischen gibt es einige wenige solcher Studien, die nun auch von immer mehr Wissenschaftlern gefordert werden.

Und ich habe hier einige andere wissenschaftliche Kritik zitiert und besprochen, soweit ich meinte, dass diese etwas beitragen können mit ihren Erkenntnissen. Aber ich weiß, ich bin weder Virologe noch Epidemiologe, noch bin ich politischer Entscheidungsträger. 

Zur BILD-Schlagzeile:  Deutschlands "klügste Corona-Experten": Was ich überhaupt nicht ernstnehmen kann, ist die klugscheißerische Art, mit der selbsternannte Experten, die selbst nicht im geringsten in der Position sind, für Tote verantwortlich gemacht zu werden, NACH den Maßnahmen deren Überflüssigkeit konstatieren oder so tun, als hätten sie es immer schon besser gewusst und sich dafür von der BILD-Zeitung oder von Reichsbürger-YouTube-Sendern feiern lassen. Das ist für einen Wissenschaftler (gleich welchen Fachgebiets) unverantwortlich und peinlich.

Update 11.05.2020

Die Regionalisierung der Gegenmaßnahmen und deren Orientierung an 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner ist theoretisch eine gute Idee, doch hinkt die praktische Umsetzung an mehreren Stellen:

a) die gemessenen Infektionszahlen (also "positiv Getestete"), an denen sich die Gegenmaßnahmen orientieren sollen, sind - wie schon oben ausgeführt - keine empirisch zuverlässigen Daten. Zudem ergibt sich insbesondere bei Menschen, die in einem Landkreis wohnen, in einem anderen (oder in einer Stadt) arbeiten, ein Zuordnungsproblem. Eigentlich müsste solch eine positiv getestete Person zweimal gezählt werden.

b) da die Landkreise sicherlich nicht interessiert sind daran, dass gerade ihr Landkreis und die darin befindlichen Firmen/Restaurants/Hotels betroffen sind von erneuten Schließungen, wird niemand dort auf eine häufigere Verdachtstestung achten, eher im Gegenteil: die Leute werden eher nicht ermuntert sich testen zu lassen, quasi ein "nudge" in die falsche Richtung, weil zu viele positiv Getestete im Landkreis "bestraft" werden.
Auch das kennen wir in der Kriminologie: Man braucht es den Bürgern nur ein bisschen schwerer zu machen, ihre Strafanzeige bei der Polizei zu erstatten, schon werden weniger Delikte angezeigt.

c) Der Hauptunterschied (Bevölkerungsdichte) zwischen Stadt und Land bleibt unberücksichtigt. Für Städte mit ihrem sehr beweglichen Bevölkerungen (man denke nur an den öffentl. Nahverkehr) ist daher das Maß 50 pro 100.000 möglicherweise zu hoch angesetzt, um durch Gegenmaßnahmen einen größeren Ausbruch noch zu verhindern.

Allerdings ist auch die Reproduktionszahl (für ganz Deutschland) kein besserer Maßstab, denn damit werden regional sehr hohe Verbreitungszahlen ausgeglichen durch niedrigere anderswo. Und die Reproduktionszahl beruht ebenfalls auf den positiv Getesteten und eben nicht auf den tatsächlichen Infektionszahlen. Immer wieder muss darauf hingewiesen werden: Die Erhebung dieser Daten entspricht NICHT den anerkannten Methoden empirischer Forschung.

Zu den Schlachthöfen: Wie oben schon zitiert: In den USA sind bereits 115 Fleischfabriken von Ausbrüchen betroffen (Quelle). Es ist nicht anzunehmen, dass dort Rumänen und Bulgaren beschäftigt sind. Es spricht mehr dafür, dass es nicht die "Reservearmee" ist, sondern die Arbeitsbedingungen, unter denen die Arbeiter tätig sind, die eine Infektion begünstigen. Man muss hier vorsichtig sein, nicht fremdenfeindlichen Klischees Vorschub zu leisten.

Eine andere Form spezifischer Schutzmaßnahmen anhand des individuellen Risikos schlagen Schrappe et al. vor, hier (researchgate-Link). Ich möchte dies hier verbreiten, weil Schrappe et. al. (u.a. auch der Rechstmediziner Püschel) vom selben Ausgangspunkt aus einen anderen Weg einschlagen.

Update 19.05.2020

Ich habe die Diagramme zum Vergleich von neun Staaten hinsichtl. ihrer Todesrate wieder aktualisiert.

Mittlerweile ist deutlich, dass Schweden sich bezüglcih der Häufigkeit der Todesfolge den französischen Ergebnissen  annähert und UK denen von Spanien. Schweden hat, auf die Bevölkerung berechnet, mittlerweile etwa viermal so viele Sterbefälle zu beklagen wie Deutschland und die Schere geht weiter auseinander. Ob sich dies bis zum Ende der Pandemie in ein bis zwei Jahren wieder ausgleicht, wie manche annehmen, halte ich für fragwürdig. Trotz aller Unsicherheit würde ich feststellen, dass sich Schweden im Momennt NICHT eignet als Modell, wie mit dem Virus umgegangen werden sollte. Allerdings nähern sich die europäischen Staaten (einschl. Deutschland) ja nun derzeit dem schwedischen Modell an. 

Auch in der Übersicht von Kevin Drum zeigt sich, dass sich Schweden, neben USA und Canada, auch bei der Reduzierung der tägl. Todesfälle bislang deutlich schwerer tut als die anderen sechs Staaten im Vergleich.

Die Frage, ob die verschieden starken Maßnahmen (Schulschließung, Versammungsverbote, Restaurantschließung, private Quarantäne) Erfolge bringen, steht nun im Mittelpunkt erster Forschungsprojekte. Eine erste Veröffentlichung in den USA besagt, dass vor allem die Restaurantschließungen und die Privatquarantäne ("shelter-in-place") effektiv gewesen seien, Schulschließungen aber nicht! Das sind erste Zahlen, die sicherlich noch mit etlichen Fragezeichen verbunden sind. Aber wenn sich dies bestätigt, könnte das ein gutes Signal geben für Schulöffnungen auch in Europa.

Jetzt erst entdeckt, aber seine Kritik geht in eine ganz ähnlcihe Richtung wie ich sie oben formuliert habe: David Spiegelhalter (Statistiker, UK) im Interview.

Update 25.05.

Die Kurven von Kevin Drum habe ich neu hochgeladen, die Daten bei shinyapps werden leider seit dem 14. Mai nicht mehr aktualisiert, so dass sie auf diesem Stand verblieben sind.

Alle neun betrachteten Staaten sind bei den täglichen Todesziffern nunmehr weit unter ihrem jeweiligen Höchststand, allerdings mit erheblichen Unterschieden. Von den Gesamtzahlen liegt die Rate in diesem neun-Staaten-Vergleich in DE bei 100 pro Million der Bevölkerungszahl. Aufsteigend von hier aus sind es in CA mittlerweile 170/Million, in CH 224/Million, in den USA 295/Million, in SWE 399/Million, in FRA 421/Million, in Italien 546/Million, in UK 557/Million und in ESP  610 pro Million der Bevölkerung. Während sich in Deutschland wahrscheinlich keine Übersterblichkeit im Vergleich zu vergangenen Jahren ergibt, wird sich COVID-19 ab der dreifachen Todeszahl auch in der Jahresstatistik der Sterbefälle deutlich zeigen.

Der relative bisherige "Erfolg" in Deutschland beim Umgang mit dem Virus kann zu einem guten Teil auf glücklichem Zufall beruhen, aber sehr wahrscheinlich haben auch die Maßnahmen zur Kurvenverflachung gewirkt. Die Gegenargumente, die ich dazu bisher gelesen habe, sind wenig plausibel. Welche von diesen Distanz-Maßnahmen geeigneter waren und welche eher überflüssig oder übertrieben, wird man allerdings - wenn überhaupt - erst später genau ermitteln können. Dass diese Maßnahmen auch Kollateralschäden haben, v.a. wirtschaftliche, aber auch gesundheitliche, kann nicht bestritten werden. Dass diese "tödlicher" seien als das Virus selbst, erscheint mir aber derzeit wenig glaubhaft.

Eine von Epidemiologen/Virologen anfangs als sehr wichtig eingestufte Maßnahme, die Komplettschließung von Schulen und Kindergärten, gerät allerdings zunehmend in die Kritik. Die Infektion selbst ist für Kinder und Jugendliche wenig gefährlich und die Auswirkungen der befürchteten Verbreitung auf andere Familienmitglieder, insbesondere Großeltern, lässt sich möglicherweise mit anderen Maßnahmen verhindern. So jedenfalls die mittlerweile mehrfach publizierte Auffassung, wie - ebenfalls - Kevin Drum zusammenstellt. Leider wurde ausgerechnet in Schweden(!) die Chance versäumt, das Realexperiment (geöffnete Schulen) zu studieren. Wenn man dort geforscht hätte, wüssten wir jetzt alle mehr.

 

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1015 Kommentare

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In den ZDF-Nachrichten um 16 Uhr heute wurde kurz eine britische Studie erwähnt, die von ca. 200.000 Toten im UK ausging wegen des Corona-Virus, bis eine Herdenimmunisierung im UK erreicht werden würde, denn das war ja die ursprüngliche britische Strategie gewesen.

Nicht nur durch Boris Johnson auf der Intensivstation scheint man im UK aber nun den Ernst der Lage begriffen zu haben. Im Beck-Blog hat das aber noch keine Reaktionen bei denen ausgelöst, die momentan noch "platzen" wegen einiger Einschränkungen, die auch für sie nun gelten im Interesse aller Bürger.

Vernunft ist eben rar gesät, wenn gewohnter, vordergründiger eigener Komfort nun leidet seit wenigen Wochen.

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Soweit man Vernunft typisiert auch an Qualifikation festmacht, scheint mir mit Prof. Dr.iur. habil Volkmann / Frankfurt , vgl. FAZ 1.4.2020 S. 12, Vernunft durchaus breit vertreten. Terrorblockwarte des Befehlsgläubigen mögen das freilich nicht so sehr. 

Die Frage, wieviele Todesopfer infolge mangelnder, nicht rechtzeitiger und nicht konsequenter Eindämmung der Corona-Virus-Ausbreitung hinzunehmen sind, ist doch auch von Prof. Volkmann nicht beantwortet worden.

Ihre Assoziationen zu "Terrorblockwarten des Befehlsgläubigen" sind doch absurd und fallen auf Sie zurück.

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Niemand hat behauptet, dass Herr Prof. Dr. habil Volkmann zu allen und jeden Ecken in einem Artikel etwas gesagt hat. Niemand stellt auch die absurd-alberne Frage, wieviel in genauen Zahlen man denn hinnehmen will a) in Polizeieinsätzen  b) in Feuerwehreinsätzen  c) bei Einsatz der Bundeswehr etwa in Afghanistan  d) bei Ärzten und Pflegern in Virenbehandlung. Nur - wer abwägungslos bliebuge und teils wenig drchdchte Verbote erlässt, muss sich schnam Rechtsstaat und der Frage der Freiheit messen lassen. So laut heutigen Nachrichten auch der Ethikrat.

Kläffende Hündchen, die gierig alles, was irgendeine Hoheit unter dem Schwanz herabfallen lässt, aufschlecken und werbend anpreisen, braucht kein freiheitlicher Mensch. 

Weshalb wollen Sie die Fragen nach Evidenz und Effizienz in a), b), c), d) nicht stellen?

Und weshalb haben Sie denn gleich die Äußerungen Gaulands zur früheren Integrationsbeauftragten und die eines Bloggers zu Frau Künast im anderen Thread zum "Platzen" so begierig aufgenommen, in Ihrer Diktion also "was irgendeine Hoheit unter dem Schwanz herabfallen lässt, aufschlecken und werbend" angepriesen?

Das Hündchen, das kläfft, das waren Sie, Herr Dr. Peus, und jetzt kommt auch hier wieder Ihr "Haltet den Dieb"!

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Aber vielleicht schätzen Sie die reine Zahl deutscher Rechtsprofessoren (ein einziger davon ist Prof. Volkmann) besser ein, ohne sich in Spekulationen über deren Qualifikationen, auch ausserhalb ihres Fachgebiets, zu dem Epidemiologie mit Sicherheit nicht gehört, wieder zu ergehen.

Wie heisst es doch so schön im Diskussionsteil zu Prof. Uwe Volkmann in der WP:

"Welche Relevanz hat diese Person? Professoren gibt es wie Sand am Meer, und mir ist dieser Mann nicht wirklich geläufig."

Lesen Sie ruhig dort dann auch wieder weiter.

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Leider finde ich jenes "WP" nicht. Noch weniger freilich kann ich die Qualifikation eines "Gast" (m/w/d??) einschätzen.

Dann können Sie wohl auch keine Suchmaschinen sinnvoll benützen, und autoritätsgläubig sind Sie wohl auch noch, wenn Ihnen das Geschriebene für eine Einschätzung einer Qualifikation hier im Beck-Blog nicht schon ausreicht.

Auch da helfe ich Ihnen aber gerne auf: Nach Abk. WP suchen.

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Ja, Herr Professor Müller, und genau darum sind für mich als (Verfassungs-)Juristen die Grenzen des wahnhaften Blicks auf Statistiken erkennbar und liegt eine auch rechtliche, auch grundrechtsorienterte Betrachtung nunmehr nahe. Welchem Zweck dient eine Zwangsmaßnahme, ist sie wenigstens plausibel tendentiell zur Zweckereichung geeignet? Welche Belastung, auch grundrechtsbezogen, führt sie herbei? Ist sie zu weit gefasst? 

Die These 1.1 in Ihrem update ist nur eine Unterthese von 4 Thesen zur These 1.

Auf den nosokomialen Aspekt gehen Sie auch nicht ein, auch in  anderen Beitragen und Kommentaren von Ihnen sehe ich den nicht.

Dann gibt es noch die These 2 und die These 3 in der Vollversion des Thesenpapiers.

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Sehr geehrter Gast, Sie schreiben:

Die These 1.1 in Ihrem update ist nur eine Unterthese von 4 Thesen zur These 1.

Auf den nosokomialen Aspekt gehen Sie auch nicht ein, auch in  anderen Beitragen und Kommentaren von Ihnen sehe ich den nicht.

Dann gibt es noch die These 2 und die These 3 in der Vollversion des Thesenpapiers.

Soweit das als Vorwurf gemeint war (scheint mir jedenfalls so formuliert zu sein): Ja, stimmt, ich habe nicht die ganze Abhandlung und alle Thesen wörtlich zitiert, sondern mich darauf beschränkt, das zu zitieren, was unmittelbar zu meinem Beitrag passt bzw. ihn ergänzt (beim Thema zu bleiben und gezielt zu zitieren, das verlangen wir auch von Studenten in ihren Arbeiten). Ich bin kein Gesamt-Corona-Experte, weise diese Rolle auch weit von mir, weshalb ich auch nicht zu allen Aspekten und Thesen kompetent Stellung nehmen kann (jedenfalls nicht kompetenter als jeder interessierte Laie). Deshalb beschränkte sich mein Ausgangsbeitrag auf das Feld, in dem ich denke, etwas sinnvolles sagen zu können: Messung im Dunkelfeld.

Natürlich steht jedem frei, das ganze Thesenpapier zu lesen und daraus weitere Argumente für seine jeweilige Ansicht in dem angesprochenen zu gewinnen und diese zu zitieren. Und es kann auch sein, dass ich etwas überlesen habe.

Mit besten Grüßen

Henning Ernst Müller

 Siehe Kommentar am Mi, 2020-04-08 um 00:13 Uhr. Die anderen Thesen in der Zusammenfassung, ohne einzelne Unterpunkte: 

These 2: Die allgemeinen Präventionsmaßnahmen (z.B. social distancing) sindtheoretisch schlecht abgesichert, ihre Wirksamkeit ist beschränkt und zudemparadox (je wirksamer, desto größer ist die Gefahr einer „zweiten Welle“) undsie sind hinsichtlich ihrer Kollateralschäden nicht effizient. Analog zu anderenEpidemien (z.B. HIV) müssen sie daher ergänzt und allmählich ersetzt werdendurch Zielgruppen-orientierte Maßnahmen, die sich auf die vier Risikogruppenhohes Alter, Multimorbidität, institutioneller Kontakt und Zugehörigkeit zueinem lokalen Cluster beziehen.

 

 These 3: Entstehung und Bekämpfung einer Pandemie sind ingesellschaftliche Prozesse eingebettet. Die derzeitig angewandte allgemeinePräventionsstrategie (partieller shutdown) kann anfangs in einer unübersichtlichen Situation das richtige Mittel gewesen sein, birgt aber dieGefahr, die soziale Ungleichheit und andere Konflikte zu verstärken. Esbesteht weiterhin das Risiko eines Konfliktes mit den normativen undjuristischen Grundlagen der Gesellschaft. Demokratische Grundsätze dürfennicht gegen Gesundheit und Bürgerrechte ausgespielt werden. DieEinbeziehung von Experten aus Wissenschaft und Praxis muss in einer Breiteerfolgen, die einer solchen Entwicklung entgegenwirkt.
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Jetzt kann es doch noch keine gesicherten Antworten darauf geben.

Aber Sie können sich mal die Prognose-Zahlen dieser Studie anschauen:

https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr/coronavirus-studie-london-101.html

Darum geht es als Gefahr, wenn nicht rechtzeitig und nicht konsequent die Eindämmung der Corona-Virus-Ausbreitung betrieben wird. Je nach aktueller Lage im Verlauf des Jahres kann immer noch etwas zurückgenommen werden, oder auch etwas intensiviert werden, dann ist das auch evidenzbasiert.

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Werter Herr Sponsel, Sie unterschieden ja nicht zwischen der a) Sterblichkeitsrate und der b) kranheitsspezifischen Sterblichkeitsrate im Kommentar vom Mi, 2020-04-01 um 23:42 Uhr.

Bei a) ist der Bezug die ganze Population, bei b) hängt die Rate auch von der Diagnostik bei den einer Erkrankung zugerechneten Todesfällen ab, die bei kumulierten Erkrankungen und auch nicht (sicher) erkannten Erkrankungen eine ganz große Bedeutung ja hat, wie es die Zahlen ja aus verschiedenen Staaten auch zeigen, durch politische kontrollierte Zahlen dann auch noch  verstärkt, wenn man z.B. an China oder einige andere Staaten ohne freie Berichterstattungen denkt.

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Die in meinen Statistiken (nach Daten RKI, WHO, JHU) erfassten Sterblichkeitsraten bedeuten: Todesfälle im Zusammenhang mit Corona dividiert durch die Häufigkeit der Erkrankungen. Welchen Anteil Corona genau hat, wissen wir im Moment nicht. Wir wissen vieles noch nicht. Am faszinierendsten wohl, weshalb die Schweden so geringe Infizierungen haben, obwohl sie mit nur ganz wenigen und einfachen Verhaltensgeboten arbeiten. Das kostet dort Millionen, bei uns werden es Billionen sein.

 

Könnten Sie bitte auf offizielle Statistiken Bezug nehmen und nicht auf Ihre merkwürdigen Privatzahlen? Hier steht übrigens, dass die Schweden möglicherweise geschummelt haben.

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Ich zitiere aus Ihrem Kommentar vom Mi, 2020-04-01 um 23:42 Uhr:

Die Saison 2011/12 ergibt eine Sterblichkeitsrate von 25.6%

Das gibt keine "Gefährlichkeit" von Corona-Viren wieder, nicht einmal eine "Gefährlichkeit" von Influenza-Viren.

Das verwirrt nur in der aktuellen Debatte.

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Gast schrieb:

Ich zitiere aus Ihrem Kommentar vom Mi, 2020-04-01 um 23:42 Uhr:

Die Saison 2011/12 ergibt eine Sterblichkeitsrate von 25.6%

Das gibt keine "Gefährlichkeit" von Corona-Viren wieder, nicht einmal eine "Gefährlichkeit" von Influenza-Viren.

So, so.

Für Schweden ergibt Ihr Diagramm G9 am 07.04.2020 ein "Sterblichkeitsrisiko" von 7,68%.

Da sind aber nur erkannte Infizierte die Grundlage.

In Deutschland haben wir für den 08.04.2020 mit den Zahlen des RKI eine Zahl von 103.228 erkannte Infizierte und 1.861 Todesfälle, ergibt analog 1,80% als "Sterblichkeitsrisiko".

Und sie schrieben dann noch von einem schwedischen Weg, der nur "Millionen" = X mal 10 hoch 6 kostet, der deutsche Weg aber "Billionen" = X mal 10 hoch 12, das wären dann 1 Million mal soviel.

Und das ist doch wahrscheinlich Kappes bis zum Ende des Jahres.

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Gast schrieb:

Für Schweden ergibt Ihr Diagramm G9 am 07.04.2020 ein "Sterblichkeitsrisiko" von 7,68%.

Da sind aber nur erkannte Infizierte die Grundlage.

Ja, was denn auch sonst.

Die Kosten können wir abwarten, aber Ihr Überschlag kommt hin.

 

Und jetzt kommt noch ein Leckerbissen für den Strafrechtler:

Absichtliche, vorsätzliche Infektion der alten Erbtante - oder der betreuten alten Erbtante - mit Corona-Viren als Mord, oder versuchter Mord.

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Ist bekannt, warum das Vergleichsschaubild der Hopkins-Universität (mit Ausnahme der Schweiz) nur Daten aus NATO-Ländern enthält (bzw. wenn man die Schweiz einschließt nur Daten aus westlichen Ländern Europas nebst den USA)?

Interessant wären doch auch Daten aus China, Hongkong, Taiwan, Singapure, Nordkorea, Südkorea, Japan, Vietnam, Thailand, Malaysia, Indonesien, Indien, Pakistan, Israel, Südafrika, Brasilien, Argentinien, Mexiko, Iran, Russland, der Ukraine, und der Türkei.

Besonders die Entwicklung in Ostasien wäre interessant, und zwar unter anderem gerade auch weil die kultuellen Unterschiede zu diesen Ländern eben nicht nur unerheblich größer sind als innerhalb der westlichen Welt.

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Aktuell: Auf "PHOENIX vor Ort" im TV läuft gerade eine interessante Pressekonferenz mit ersten Ergebnissen der Heinsberg-Studie.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Müller, da überlasse ich Ihnen nun gerne den Vortritt, diese Ergebnisse in ein neues update aufzunehmen.

Mit den besten Grüßen nach Regensburg!

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Interessant wären doch auch Daten aus China, Hongkong, Taiwan, Singapure, Nordkorea, Südkorea, Japan, Vietnam, Thailand, Malaysia, Indonesien, Indien, Pakistan, Israel, Südafrika, Brasilien, Argentinien, Mexiko, Iran, Russland, der Ukraine, und der Türkei.

Schauen Sie einmal hier hin: https://bing.com/covid?form=COVD07

Heute bin ich mal großzügig mit kleinen Geschenken.

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Phuket-Tourist schrieb:

Ist bekannt, warum das Vergleichsschaubild der Hopkins-Universität (mit Ausnahme der Schweiz) nur Daten aus NATO-Ländern enthält (bzw. wenn man die Schweiz einschließt nur Daten aus westlichen Ländern Europas nebst den USA)?

Das Schaubild stammt NICHT von der Hopkins-Universität, sondern vom amerikanischen Blogger Kevin Drum, der diese Schaubilder  täglich anhand der "raw data" (= Rohdaten) der JHU anfertigt. Er ist keine Behörde und deshalb völlig frei in seiner Auswahl. Dass er diese Staaten (und nicht andere) genommen hat, liegt mglw. daran, dass er sie im Gesellschaftssystem für vergleichbar mit den USA hält und er die Daten auch für relativ zuverlässig hält. Der tägliche Aufwand würde sich erheblich erhöhen, wenn er (was ja durchaus zu begrüßen wäre) sie auch auf andere Staaten ausweitet. In seinem Blog (oben verlinkt) findet man Leser , die sich  die Arbeit gemacht haben, auch Daten anderer Staaten in gleicher Weise auszuwerten (in den dortigen Kommentaren).

@Gast: Dass auf der Bing-Übersichtsseite ähnliche Schaubilder für andere Staaten geliefert werden, wäre mir neu.

Dann klicken Sie sich mal durch, auf der linken Seite ein Land anklicken und rechts sich das Schaubild für dieses Land ansehen.

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Ja, die Seite  bietet (wie übrigens andere auch) Statsitiken für den gesamten Globus. Ich finde dort zwar auch Kurven mit den jeweiligen Todesfällen (Anzahl), aber diese Grafiken sind weder auf die Bevölkerung bezogen noch sind sie zeitlich eingeordnet, so dass man den Verlauf in versch. Ländern direkt vergleichen könnte.

Verstehe ich jetzt nicht, denn einen ganz ähnlichen Hinweis mit den einzelnen Staaten und dem dazu passenden Schaubild hatte ich schon einmal gegeben:

Gast kommentiert am Do, 2020-04-09 11:24

Da funktioniert das nämlich ganz genau so, werter Herr Professor.

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Ja, auch der zeitliche Verlauf der TodesFALLzahlen ist für jedes Land einzeln zu sehen. Das mag für viele Zwecke sinnvoll sein. Aber wie oben im Beitrag (und bei Kevin Drum) erläutert, geht es hier um einen direkten Vergleich der TodesRATEN-ENTWICKLUNG ("growth of death"), also auf die jeweilige Bevölkerung bezogen UND jeweils im Vergleich zur Italienkurve.

Auf die jew. Bevölkerung bezogen bedeutet: 100 Todesfälle in Luxemburg sind anders zu beurteilen als 100 Todesfälle in Deutschland oder 100 Todesfälle in den USA. Wer für alle drei Länder die gleiche Kurve benutzt, unterschlägt die Größe der Grundgesamtheit, auf die sich die Todesfälle beziehen.

Entwicklung im Vergleich zu Italien bedeutet: Die Kurven starten zu unterschiedlichen Zeitpunkten, nämlich wenn 1 von 10 Millionen der Bevölkerung an COVID19 gestorben ist. Danach wird auch die relative Ausrichtung der Kurve im vergleich zu Italien eingerichtet.

Dieses Setzungen kann man kritisieren oder für mehr oder weniger sinnvoll halten. Aber man kann nun wirklich nicht behaupten, dass auf der Bing-Seite das gleiche für alle anderen Länder angezeigt wird.

Auf der Bing-Seite und auf vielen anderen Seiten bekommen Sie die Rohdaten auch zu vielen anderen Staaten, das ist gut. Wenn man so eine Kurve wie Herr Drum erstellen will, muss man jeweils zusätzliche Berechnungen anstellen. Ich halte das für sinnvoll, anderen genügen die Rohdaten, wieder andere stellen weitere Überlegungen an. Bislang sind "repräsentative Studien", eher selten bzw. gar nicht vorhanden. Solange wollte ich mich (angesichts der sehr unzuverlässigen Infektionszahlen) an den etwas zuverlässigeren Todesfalldaten orientieren.

Auch Ihr staatenbezogenes Kriterium mit der gesamten Population ist nicht aussagekräftig, wie es sich bei einer stark regionalen Konzentration in China zeigt. Da nun die starke Quarantäne um Wuhan aufgehoben wird, ist die weitere Entwicklung für ganz China noch völlig offen.

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Nun, ein anderer "Gast" weiter oben hat kritisiert, dass der Vergleich nicht auch China, Russland usw. einbezieht. Das könnte der Grund dafür sein: Die dortigen Daten (auch die Todesfälle betreffend) scheinen nicht zuverlässig. Ich weiß ja, es ist schwierig, es allen recht zu machen. Ich habe doch schon zig-mal betont, dass auch diese Statistik nicht das Gelbe vom Ei ist. Aber die absoluten Zahlen für einen Ländervergleich zu benutzen, wäre bei völlig unterschiedlichen Bevölkerungsgrößen doch von vornherein unzulässig.

Das "nicht zuverlässig" der Daten aus einzelnen totalitären Staaten ist ja nur ein einziger Aspekt, ein anderer ist das anfängliche Stadium der Clusterbildungen bei dieser Pandemie, also der örtlichen Häufungen bzw. der Inhomogenitäten. Für das föderale Deutschland sind bereits Bundesländer als Flächenstaaaten schon sehr inhomogen, aber auch in den Stadtstaaten selber gibt es enorme Inhomogenitäten, die überhaupt noch nicht erfasst werden konnten.

Mit den aktuellen Bing-Zahlen ergab sich für Deutschland das höchste Verhältnis aller Staaten bei den Todesfällen zu bekannten Infizierungen mit dem Corona-Virus mit 2,54% für Baden-Württemberg, das niedrigste Verhältnis für Berlin mit 0,97%.

Gestern bemängelte aber auch einer der führenden Forensiker Prof. Dr. Klaus Püschel, daß nur bei ihm in Hamburg die verstorbenen Infizierten obduziert wurden, um mal genauer zu wissen, woran die denn wirklich verstorben sind.

Das sah übrigens auch der Bonner Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck ein, allerdings läßt sich das für die aktuelle Heinsberg-Studie nicht mehr implementieren.

Sie können sich das auch wieder alles selber hier anschauen:

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-9-april-2020-100.html

Ohne viel anderes Geschwurbel dabei, versteht sich.

Bei den Diagrammen des Kevin Drum decken sich auch konkrete Zahlenangaben nicht mit der Ordinaten-Einteilung.

Schauen Sie mal genau hin!

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Sehr geehrter Herr Professor Müller, einleitend schreiben Sie: "Seit Wochen starren wir alle auf die Infektionszahlen und die Zahl der Todesfälle...". "Wir alle". Man hat im politischen Bereich manchen vorgeworfen, sie nähmen für sich anmaßend "alle" in Anspruch. So versichere ich hier: Ich jedenfalls starre nicht permanent auf solche Zahlen, schon gar nicht aktuelle und tagesweise sich ändernde. Freilich sehe ich, falls ich mir mal die sogenannten "Nachrichten" des zwangsbeitragsfinanzierten Fernsehens antue, dass das betreute Denken auf solche Zahen hingelenkt wird. Es gibt den "Sprechern" so die Aura des Präzisen und Wichtigen. Die Sache lässt sich noch anreichern, wenn die pseudoexakten Zahlen mit genauen Ziffern für die Einerstelle landesgemäß wegen verschiedener Informationsgeber, erst recht weltweit dargebracht und in angeblichen Vergleich gesetzt werden. Das alles ist mir im einzelnen sowas von wurscht! Ich neige eher zu der Betrachtung: Für starke und signifikante Trends sind Großzahlen heranzuziehen , zur Maßnahmenbestimmung die mutmaßlichen Übertragungswege virologisch fachkundig abzuschätzen, und sodann legislatorisch-juristisch zu bestimmen , welche Maßnahme der Freiheitsbeschränkung bei Abwägung aufzuerlegen zw. hinzunehmen ist. Besonders beeindruckt mich der Ansatz von Heinsberg - kleine Zahl, anscheinend unglaublich präzise Sachverhaltsaufklärung zu vermutlichen Infektionsketten und -wegen. Bei einer kleinen Grundgesamtheit wird das eher möglich sein. Es bleibt dann die ebenso virologisch-fachtechnische Frage, ob Ort, Lage und gesellschaftliche Prägung von Heinsberg anderweitig parallel übertragbar ist. Genau diese Frage wird ja debattiert dazu, ob Schweden für Deutschland aussagekräftig ist.

Beim Verkleinern des Dunkelfelds können die Bürger aber selber auch noch mitwirken durch ihr eigenes Verhalten, nicht wegzuschauen bei Straftaten, weil damit nur den Straftätern Vorschub geleistet wird und auch noch das Gewaltmonopol des Staates bei den zur Gewaltkriminalität neigenden Personen untergraben wird, die dann ihre eigenen Regeln durchsetzen wollen.

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Ich gehöre übrigens nicht zu denen, die ein Dunkelfeld bei Straftaten oder Infektionen oder irgendwelchen sonstigen Ereignisse odre Annahmen für schlecht oder beklagenswert halten oder es "verringern wollen". Das ist nicht Aufgabe der wissenschaftlichen Dunkelfeldforschung. Dunkelfelder sind - insbesondere bei Kriminalität - der Sache immanent. Es geht in der Kriminologie nicht darum, irgendwen zur vollständigen Strafanzeigeerstattung anzuhalten. Das würde a) zur Blockwartmentalität führen b) die Behörden überlasten c) einen Staat des Misstrauens schaffen, wenn nicht sogar einen Polizeistaat.

Darum geht es nicht, wenn Kriminologen vom Dunklelfeld sprechen. Es geht darum, dass im Wissen um das Dunkelfeld nicht wichtige politische Entscheidungen aufgrund eines (willkürlichen, zufälligen oder gesteuerten) Hellfelds irgendwie registrierter oder gemessener Daten getroffen werden. Soweit sich politische Entscheidungen auf Daten und Expertenwissen stützen,  sollten bei der Datenerhebung die allg. anerkannten Methoden der empirischen Sozialforschung beachtet worden sein. Das habe ich hier (analog) eingefordert. Die Daten aus Heinsberg erfüllen diese Kriterien bis jetzt noch sehr mäßig. Ich hoffe noch auf Erhöhung der wissenschaftlichen Aussagekraft (Reliabilität und Validität).
 

Als Staatsbürger allerdings dürften auch Sie an einer Verringerung von Straftaten insgesamt  interessiert sein, und das verringert Hellfeld und Dunkelfeld gemeinsam.
 

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Na klar habe ich auch Interessen als Privatperson oder als Staatsbürger, aber die müssen zurückstehen, wenn es um eine Beschreibung bzw. möglichst gute Erfassung der Realität geht. Und wer die Unterscheidung zwischen möglichst wahrhaftiger Beschreibung von Tatsachen (darum geht es in der Dunkelfeldforschung), der Ursachenforschung und schließlich der Forschung zu Präventionsansätzen nicht kennt, sollte erst gar nicht beginnen mit der Wissenschaft.
 

Die Reliabilität ist jetzt akut bei so einer neuen Infektion ohne bereits vorhandene Immunisierungen anders zu sehen als als bei den Daten zu den Influenza-Infektionen.

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