Mörderisches Aostatal?

von Prof. Dr. Henning Ernst Müller, veröffentlicht am 25.06.2022
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Eine Internetplattform namens landgeist.com, auf der interessante Grafiken und Statistiken verbreitet werden, hat kürzlich eine Europakarte der "Murder Rate" (gemeint sind vorsätzliche Tötungsdelikte) verbreitet (siehe oben), auf der nicht nur nationale Daten, sondern regionale abgebildet sind. Darauf zeigt sich eine wesentlich höhere Tötungsrate im italienischen Aostatal als in den umgebenden Regionen. Der angegebene Wert von mehr als 2,5 pro 100.000 Einwohner liegt sogar ein mehrfaches über den Werten im sonstigen Westeuropa, die meist gehörig unter oder nur wenig über 1,0 liegen, in DE sind es 0,8 Tötungsdelikte pro 100.000 Einwohner.

Nur für das Baltikum werden noch höhere Werte angegeben als für das Aostatal.

Außereuropäisch werden allerdings zum Teil noch viel höhere Werte angegeben: Die USA weist eine Tötungsrate um 5,0 auf, in Mittel- und Südamerika und in einigen afrikanischen Staaten sind nationale Werte um 20,0 oder gar 30,0 keine Seltenheit. Die Darstellung auf der Seite Länderdaten ist allerdings etwas veraltet.

Die Karte hat mich auf eine andere Frage gebracht, die mir schon häufig gestellt wurde: Korreliert eigentlich die Tötungsrate positiv oder negativ mit der Suizidrate, oder sind diese Daten unabhängig voneinander?

Sowohl für eine positive als auch für eine negative Korrelation der jeweiligen Daten fänden sich wohl kriminologisch bzw. sozialpsychologisch nachvollziehbare Erklärungsansätze bzw. Vermutungen.

Es  ergibt sich aber ein wenig klares Bild. Bei der Aufstellung bin ich von den 32 europäischen Staaten aus der Suizidstatistik ausgegangen und habe jeweils die Rangplätze gedrittelt.
(Datenquelle für Suizidraten, Datenquellen für Opfer vorsätzl. Tötungen)
 

So kamen folgende Kategorien zustande:

I. oberstes Drittel in beiden Rangfolgen, also hohe Suizidraten und hohe Tötungsraten:
Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Serbien

II. unterstes Drittel mit oberstem Drittel in der Rangfolge, also niedrige Suizidraten mit hohen Tötungsraten: Zypern, Türkei

III. oberstes Drittel mit unterstem Drittel in der Rangfolge, also hohe Suizidraten mit niedrigen Tötungsraten: kein Staat (mit früheren Daten war hier noch Österreich einzuteilen)

IV. unterstes Drittel in beiden Rangfolgen, also niedrige Suizidraten und niedrige Tötungsraten:
Irland, Italien

V. alle anderen Staaten waren zumindest in einer der beiden Rangfolgen auf den mittleren Plätzen, dazu gehörte auch Deutschland

Nun kann man Vermutungen anstellen, warum sich in einigen Regionen vermehrt Menschen finden, die Gewalt gegen sich selbst als auch solche, die sie gegen andere ausüben. Und das, während diese Daten in anderen Regionen in die gegensätzliche Richtung verlaufen.

Und was ist nun mit dem mörderischen Aostatal?

Das Aostatal zeigt weniger eine besonderen Gewalttendenz auf als die Grenzen der grafischen Darstellung solcher Daten.

Da Tötungsfälle im Allgemeinen nicht häufig vorkommen, kann die Tötungsrate bei einer relativ kleinen Bevölkerung schon durch einzelne Taten starke Ausschläge anzeigen. Das Aostatal hat nur 125.000 Einwohner, so dass bereits eine zufällige Häufung weniger Tötungsdelikte oder auch nur ein Fall einer Mehrfachtötung in einem Jahr  den Wert pro 100.000 stark nach oben verzerren kann. Schon drei vorsätzlich Getötete im betreffenden Jahr führen bei dieser kleinen Bevölkerung zu einem Wert von knapp 2,5 pro 100.000, auch wenn etwa in den Jahren vorher und nachher kein einziges solches Delikt registriert wird.

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2 Kommentare

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"Das Aostatal zeigt weniger eine besondere Gewalttendenz auf als die Grenzen der grafischen Darstellung solcher Daten."

Das ist im Grunde keine Grenze der grafischen Darstellung sondern eine statistische Verzerrung, wie sie bei kleinen Kohorten häufig auftreten kann. Insofern ist der aktuelle Anlass auch ein gutes Beispiel für die Grenzen von Statistik und Seriosität statistischer Aussagen bzw. Schlußfolgerungen.

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Danke, genauso war es gemeint.

Weil es die (bislang) einzige mir bekannte Grafik mit regionaler Darstellung handelte, habe ich es der grafischen Darstellung zugeschrieben. Aber das dahinter stehende staistische Problem besteht natürlich auch bei Grafiken, die nationale Statistiken darstellen, wenn es sich um sehr kleine Nationen bzw. Staaten handelt (zB San Marino oder Andorra).

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