Dolmetschen und Übersetzen in Zeiten von KI

von Gastbeitrag, veröffentlicht am 27.10.2022
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Dolmetschen und Übersetzen in Zeiten von KI

Ein Editorial von Dr. jur. Stefan Hans Kettler, Maître en Droit, LL.M., allgemein beeidigter Dolmetscher und ermächtigter Übersetzer für die englische und die französische Sprache.

Vor einigen Jahren hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Bekannten, der früher für einen großen Anbieter fotografischer Ausrüstung tätig gewesen war. Da der Schwerpunkt des Unternehmens auf der Herstellung analogen Filmmaterials lag, stellte sich um die letzte Jahrhundertwende die Frage, ob man gegen die aufkommende Digitalfotografie seine Marktposition unverändert würde behaupten können oder ob angesichts der veränderten Umstände eine Neuausrichtung unausweichlich wäre.

Einige seiner Kollegen erklärten es damals offenbar für ausgeschlossen, dass die Digitalfotografie die analoge Bildaufnahmejemals ersetzen würde, denn diese biete im Vergleich mit dem Neuankömmling eine weitaus höhere Bildauflösung.

In der Tat hatten die damals üblichen Digitalkameras eine maximale Auflösung von etwa drei Millionen Megapixeln, wohingegen analoge Fotoapparate im deutlich zweistelligen Millionenbereich lagen.

Allerdings ließen die betreffenden Personen außer Acht, dass die Auflösung der Bildsensoren von Generation zu Generation stieg, ohne dass aus physikalischen oder kommerziellen Gründen ein Ende in Sicht war, und dass die Digitalkameras schon damals gegenüber den analogen Konkurrenten viele andere Vorzüge boten - etwa die sofortige Anzeige der Bildaufnahmen; die größeren, günstigeren und wiederverwertbaren Datenspeicher; die Möglichkeit bewegter Filmaufnahmen, der Bildbearbeitung und des sofortigen Löschens misslungener Bilder; die direkte Übertragbarkeit der Bilddateien auf andere Digitalgeräte; das Entfallen der zeit- und kostenintensiven Filmentwicklung, etc.

Es lässt sich heute nicht mehr nachhalten, welche der optimistischen Prognosen seinerzeit aus voller Überzeugung gesprochen wurden und welche nur Wunschdenken entsprangen, also nichts waren als das sprichwörtliche laute Pfeifen in einem Wald, der sich vor dem aufkommenden Gewitter zunehmend verdüstert.

Sicher jedoch ist, dass es am Ende so kam, wie es kommen musste: Die Digitalfotografie setzte ihren Siegeszug unbeirrt fort und drängte den analogen Platzhirsch in kürzester Zeit in ein Nischendasein, welches er seither fristet. Der technische Fortschritt ließ sich auf diesem Gebiet nicht aufhalten, jedenfalls nicht von einem einzelnen Marktteilnehmer. Und er fegt nicht nur Produkte vom Markt, sondern macht auch vor Dienstleistungen nicht halt.

Ein Gespenst geht um in der Welt - das Gespenst der KI

In einer vergleichbaren Situation sehen sich aktuell viele Dolmetscher und Übersetzer jeglichen Geschlechts. Das Gespenst, das in der Welt umgeht, hört im deutschsprachigen Raum auf den Namen »Künstliche Intelligenz« (kurz »K|«) und wirbt damit, für kleines Geld quasi in Echtzeit hervorragende Übersetzungen zu liefern. Jeder vom Fach, der die Erzeugnisse dieser Technologie einmal kritisch unter die Lupe genommen hat, weiß natürlich, dass dabei bislang die Qualität und Genauigkeit der Übersetzung zu kurz kommen.

Wenngleich aber automatisch generierte Übersetzungen mitunter grotesk anmutende Passagen enthalten und gerade die Übersetzung juristischer Texte ohne solide Kenntnisse der behandelten Themen undenkbar ist, sollte man sich davor hüten, diese aufkommende und ständig weiterentwickelte Technik nicht ernst zu nehmen oder gar zu belächeln. Gerade im Bereich einfacher Texte von minderer Bedeutung hat sich die Kl-generierte Übersetzung vielerorts bereits fest etabliert.

Bedeutung verlangt Qualität und menschlichen IQ

Gleichwohl besteht für Dolmetscher und Übersetzer durchaus Grund zu vorsichtigem Optimismus. Denn wie bei zahlreichen anderen Dienstleistungen ist umso mehr menschliche (!) Expertise gefragt, je komplexer und individueller der Einzelfall ist. Hinzu kommt eine Reihe ungeklärter Rechts- und Haftungsfragen, die sich stellen, wenn ein durch eine Maschine »begangener« Übersetzungsfehler Schäden verursacht.

Dolmetscher und Übersetzer, denen es gelingt, die steigenden Anforderungen durch ein konstant hohes Fachniveau zu meistern - wozu vor allem auch der regelmäßige Austausch mit Kollegen und die Nutzung hochwertiger Fachliteratur beitragen -, müssen sich deshalb mit Blick auf den stetig wachsenden internationalen Wirtschafts- und Rechtsverkehr hoffentlich keine Sorgen um ihre Zukunft machen. Je anspruchsvoller der Ausgangstext und je bedeutender die behandelte Materie, desto mehr versagt die Technik, und dann gilt wieder der Grundsatz: Qualität hat ihren Preis.

Passende Literatur zum Thema

Zum E-Prospekt "Sprache und Recht".

Neu in beck-online: Law & Language PLUS

Das neue Fachmodul Law & Language PLUS richtet sich an international arbeitende Juristinnen und Juristen, Dolmetscherinnen und Dolmetscher, Fachübersetzerinnen und -übersetzer, Dozierende und alle Beschäftigten in Unternehmen und Organisationen mit internationalem Kontakt. Es bietet seinen Nutzerinnen und Nutzern zweisprachige Rechtswörterbücher, Muster- und Formularsammlungen sowie Handbücher, bspw. Dietl/Lorenz, Wörterbuch für Recht, Wirtschaft und Politik, Teil 1 und 2; Bugg, Contracts in English sowie das Beck‘sche Formularbuch Zivil-, Wirtschafts- und Unternehmensrecht: Deutsch-Englisch, Hrsg. Walz.

 

 

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2 Kommentare

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Dieser Beitrag ist ein Beispiel, wie die deutsche Sprache und Rechtschreibung zu halten ist. Bei dem Wort "etabliert" koennte jedoch auch das deutsche Wort genannt werden. Ansonsten ausgezeichnet verfasst. Die neudeutschen Gespenster der heutigen Sprachausraster moegen sich hier mal ein Beispiel nehmen.

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Nehmen Sie ernsthaft Anstoß am Wort "etabliert"? Das etablieren war schon im Deutschen etabliert, als unsere Großeltern noch nicht gelebt haben. Zugegebenermaßen hat man es damals wohl ohne e hinter dem i geschrieben.

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