»Dies« mit »this«: bitte nicht

von Peter Winslow, veröffentlicht am 07.01.2020

Nicht nur bei Übersetzungen ins Englische, sondern auch in »englischsprachigen« Texten, die von deutschen Anwälten und Anwältinnen verfasst werden, kommt das englische Pronomen »this« (sehr) häufig vor. This rarely results in good English. Bei Übersetzungen ins Englische sieht man dieses Pronomen vor allem als Übersetzung des deutschen Pronomens »dies«; als Übersetzung von »dies« ist »this« jedoch problematisch, weil es mindestens zwei bessere Übersetzungsmöglichkeiten gibt. In auf Englisch verfassten Texten wird das Pronomen »this« problematisch, weil dieses ohne Weiteres zu Unklarheiten führen kann.

Das Folgende sind zum Teil stilistische Überlegungen, die nicht etwa Vorgaben eines persönlichen oder »literarischen« (whatever that means) Stils beinhalten, sondern Konventionen und Empfehlungen umfassen, die unter Umständen zu besserer englischsprachiger Prosa führen können – ob bei einer Übersetzung ins Englische oder in einem englischsprachigen Text. … Freilich sind Ausnahmen denkbar und freilich kann man gegen diese Konventionen verstoßen oder diese Empfehlungen schlicht ignorieren. Machen Sie das. I guess. Aber bedenken Sie bitte, dass hier die schönen Worte des Typografen Robert Bringhurst entsprechend gelten: »By all means break the rules, and break them beautifully, deliberately and well«.

 »Dies« mit »this« bei Übersetzungen ins Englische

Warum wird »dies« mit »this« übersetzt? Keine Ahnung. Aber ich vermute – auch wenn im Bereich der Sprache die Frage nach dem Warum selten weiterführt – weil man der Ansicht ist, dass ein Wort möglichst mit einem Wort zu übersetzen sei und dass hier ein Wort mit einem Wort übersetzt werden könne. Unabhängig von meinem Nichtwissen und davon, ob diese Vermutung zutrifft, steht fest, dass es sich bei der Übersetzung von »dies« mit »this« um eine Art eins-zu-eins-Übertragung handelt, die generell nicht zutrifft bzw. nicht präzise genug ist.

Denn bei juristischen Fachtexten wird das deutsche Pronomen »dies« häufig, nicht immer, so verwendet, dass es sich »auf etwas in einem vorangegangenen oder folgenden Substantiv oder Satz Genanntes« bezieht. So etwa: »Der Beklagte hat nachweislich Gelder veruntreut; dies hat zur Folge, dass …«. Dieser Teilsatz ist vielleicht kein schönes Deutsch, aber unklar ist er auch nicht. In diesem Fall bezieht sich »dies« sprachökonomisch auf die nachweisliche Veruntreuung von Geldern durch den Beklagten. Das deutsche Pronomen »dies« könnte man vielleicht mit »this« übersetzen, ohne dass besondere Verständnisschwierigkeiten entstehen. … Aber das englische Pronomen »this« kann genauso unprofessionell, holprig oder gar laienhaft klingen wie das deutsche Pronomen »das«. An dieser Stelle wäre dieses Pronomen also eine unnötige Gefahr. Hinzu kommt:

The pronoun this, referring to the complete sense of a preceding sentence or clause, can’t always carry the load and so may produce an imprecise statement (Seite 61 des Buches The Elements of Style).

Eine bessere Übersetzung wäre daher das Pronomen »such«; damit stellt man stichhaltige Ähnlichkeiten zwischen dem Ausgangs- und dem Zieltext her. Das heißt: Hier stellt dieses Pronomen zwar kein schönes Englisch dar, ist aber auch nicht unklar und hat mehr oder minder dieselbe Bedeutung wie das deutsche Pronomen »dies«, nämlich: »someone or something stated, implied, or exemplified« (die ed-Endung impliziert etwas Genanntes bzw. Vorangegangenes). Mit anderen Worten: Das Pronomen »such« als Übersetzung von »dies« besteht den Annäherungstest.

Mit dem Pronomen »such« ist jedoch nur sparsam umzugehen. Auch sollte dieses nicht als ein in jedem Fall von »dies« einzusetzendes Allheilmittel verstanden werden. Dieses Pronomen kann unter anderem zur holprigen Prosa führen. Eine in vielen Fällen bessere Übersetzung besteht darin, den durch »dies« ausgedrückten Sinn unter Berücksichtigung der gewollten rhetorischen Wirkung explizit zu machen. Denn das Explizit-Machen des gewollten Sinnes entspricht good writing practice in English, wie im nächsten Abschnitt ausgeführt. … In diesem Fall wäre jede Übersetzung denkbar, die nicht nur eine richtige, vollständige und fachregisterkonforme Übersetzung gewährleistet, sondern auch bei ganzheitlicher Betrachtung rhetorisch stichhaltig ist. So könnte eine Übersetzung von »dies« im oben angeführten Teilsatz »dies hat zur Folge, dass …« so lauten: »his misappropriation of funds, as demonstrated, …«.

 »This« in auf Englisch verfassten Texten

In auf Englisch verfassten Texten wird das englische Pronomen »this« vor allem problematisch, wenn das vorangegangen Genannte mehrere Substantive enthält. In diesem Fall kann es sein, dass unklar wird, auf welches Substantiv sich »this« bezieht. Das Buch The Elements of Style, eine amerikanische Schreibfibel, enthält ein schönes Beispiel; auf Seite 61 liest man:

Visiting dignitaries watched yesterday as ground was broken for the new high-energy physics laboratory with a blowout safety wall. This is the first visible evidence of the university’s plans for modernization and expansion.

Strunk und White, die Autoren des oben genannten Buches, führen zutreffend aus, dass in diesem Beispiel unklar ist, worauf sich das Pronomen »this« bezieht: »this does not immediately make clear what the first visible evidence is« (ebenda). Bezieht sich dieses Pronomen auf »new high-energy physics laboratory with a blowout safety wall«; auf den ersten Spatenstich; auf das Beiwohnen der »visiting dignitaries«; auf das Beiwohnen der »visiting dignitaries«, als der erste Spatenstich erfolgte; oder aber auf den vorangegangenen Satz insgesamt? Das sind alle mögliche Auslegungen des Pronomens »this«. Im Klartext stellt »this« einen sogenannten ambiguous identifier dar.

Um dieses Problem zu umgehen, wird in The Elements of Style empfohlen, den Sinn explizit zu machen. Strunk und White schreiben nämlich »this« mit »[t]he ceremony« und »is« mit »afforded« um. Das Ergebnis: viel besseres Englisch, alle Unklarheiten beseitigt.

Visiting dignitaries watched yesterday as ground was broken for the new high-energy physics laboratory with a blowout safety wall. The ceremony afforded the first visible evidence of the university’s plans for modernization and expansion (Seite 61).

Könnte man, höre ich den Einwand, im obigen Beispiel nicht »this« einfach durch »such« ersetzen? Ja. Das könnte man. Aber dieses Pronomen scheint mir nicht das geeignetste an dieser Stelle zu sein; der Satz wäre holprig und unter Umständen nicht präzise genug. Mein Sprachgefühl sagt mir auch, dass »such« etwas zu wünschen übrig bleiben ließe; dass etwas fehlte, nämlich der Übergang. Dabei verkörpert die von Strunk und White vorgenommene Umschreibung einen (sogar schönen) Übergang von dem ersten zu dem zweiten Satz; diese Umschreibung ist einfach und gut – ein Maßstab der Richtigkeit, der in der Übersetzungsbranche leider allzu häufig übersehen wird.

Eine Art Fazit

Aufgrund der oben genannten Ausführungen sollte Folgendes Übersetzern und Übersetzerinnen sowie Verfassern und Verfasserinnen grundsätzlich bewusst sein: Entweder ist das Pronomen »this« nicht präzise, entspricht nicht good writing practice in English oder stellt einen ambiguous identifier dar. … Erfahrungsgemäß gilt zudem: Bei dem englischen Pronomen »this« wird eine Unklarheit immer dann und dort entstehen, wann und wo es am ungünstigsten ist.

Um nur ein Beispiel anzuführen: Vor einiger Zeit habe ich eine beglaubigte Übersetzung eines »englischsprachigen« Vertrags ins Deutsche angefertigt, die zur Vorlage in einem Streitverfahren bestimmt war. Der Grund dieses Streitverfahrens und der Notwendigkeit dieser beglaubigten Übersetzung war der Umstand, dass der Vertrag von einem Deutschen, der nicht der Kunde war, auf Englisch verfasst wurde, who really had no business drafting a legal document in English in the first place. Die Parteien stritten unter anderem über die Auslegung einiger Stellen des Vertrags. Neben zahlreichen grammatikalischen und syntaktischen Fehlern, die jegliche Auslegung der entsprechenden Stellen erschwerten, sowie etlichen Aneinanderreihungen von Phrasen und Wörtern, die teilweise unsinnig waren, hatte der Verfasser eine Vorliebe für das Pronomen »this«, das an einer Vielzahl von Stellen für Zweideutigkeit sorgte. Dieses Pronomen trug also sein bisschen zur Klageerhebung bei. Eines der einprägsamsten Beispiele ging aus der Verwendung von »this« hervor, die nur noch Zweifel im Hinblick auf den gewollten Bezug zuließ. Dieses Pronomen hätte sich grammatikalisch entweder auf etwas sehr Allgemeines oder auf etwas sehr Spezifisches beziehen können – sagen wir etwa, entweder auf gesetzliche Pflichten oder auf eine bestimmte vertragliche Vereinbarung. Im Übrigen war der Sinn auch nicht gerade klar, sodass die Frage nach dem Bezug nicht durch eine angemessene Auslegung des Wortlauts und des entsprechenden Zusammenhangs beantwortet werden konnte. Die Folge dieser Umstände?

Ich kenne den Ausgang des Verfahrens nicht (ich kann mir nur denken, was der arme Richter zu dem Vertrag und den drafting skills des Verfassers gesagt hat). Neben der Klage hatte dieses Pronomen zumindest zur Folge, dass die durch dieses verursachte Zweideutigkeit im Rahmen einer Anmerkung des Übersetzers erläutert werden musste, die ich nicht schreiben und der Kunde nicht lesen wollte. … Durch dieses Pronomen sind also Kosten entstanden und Leistungen veranlasst worden, die nicht nur so ungewollt wie nervig waren, sondern auch nicht entstanden oder veranlasst worden wären, wenn der Verfasser dieses Pronomen vermieden bzw. richtig verwendet hätte.

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Der praktische Nutzwert des obigen Beitrags wäre höher, wenn seine Essenz komprimiert in einem um drei Viertel gekürzten Text wiedergegeben worden wäre. Ums mit Altvater Goethen zu sagen: "Getretener Quark wird breit, nicht stark."

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