Dramatischer ReFa-Mangel: „Liebe Anwältinnen und Anwälte, investiert in die Zukunft der Azubis“

von Gastbeitrag, veröffentlicht am 08.08.2022
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Der Fachkräftemangel ist in den Medien omnipräsent – und schlägt auch in Kanzleien zu. Nicht etwa nur bei Anwältinnen und Anwälten, sondern gerade auch bei den Auszubildenden. Starteten 2012/2013 noch mehr als 5.600 junge Menschen eine Ausbildung als Rechtsanwalts- oder Notariatfachangestellte/r (ReFa, ReNoFa), waren es laut Angaben der BRAK zuletzt nur noch etwas mehr als 3.500.  Was also tun? Das wollten wir von Stefanie Stuckenberger wissen. Sie ist Autorin eines Standardwerks für ReFas und geprüfte Rechtswirtin. Ihre Forderung an die Kanzleien: „Liebe Anwältinnen und Anwälte, investiert in die Zukunft der Azubis, gebt ihnen Freiraum, zeigt ihnen, dass Jura auch Spaß machen kann. Sie sind die Zukunft.“

Frau Stuckenberger, warum fehlen an so vielen Stellen ReNos und ReFas?

Stuckenberger: „Die Ausbildung gilt als trocken und das ist sie zum Teil auch. Es gibt die weit verbreitete Annahme, dass Paragrafen stur auswendig gelernt werden und theoretische Annahmen und Fälle bearbeitet werden müssen, ohne Zusammenhang zum ‚realen Leben‘. Außerdem gibt es ein starkes Hierarchiedenken in der Anwaltschaft. Nicht nur Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, sondern oftmals auch Büroleiterinnen und -leiter sehen sich selbst oft in der Hierarchie ganz oben, Azubis werden dabei als das unterste Glied angesehen. Nach dem Motto: Wer noch nichts kann, fängt erst mal mit Kaffee kochen und Kopier- oder Scanjobs an. Dies ist keine Floskel, es ist tägliche Praxis in vielen Rechtsanwaltskanzleien. Ich habe mich dagegen immer gesträubt. Ich bin der Meinung, dass ein Azubi, der früh in alle anfallenden Arbeiten eingebunden wird, exzellent ausgebildet und dadurch gefördert und gefordert werden kann.

Wenn Sie entscheiden könnten: Was würden Sie anders machen?

„Die Ausbildung muss abwechslungsreicher sein. Kanzleien müssen stärker in die Weiterbildung ihrer Auszubildenden investieren und Hierarchiedenken stoppen. Außerdem müsste es eine attraktivere Vergütung und mehr Fokus auf Work-Life-Balance geben.“

Starten wir beim ersten Ihrer Punkte: abwechslungsreichere Ausbildung. Was würden Sie konkret ändern?

„Ich blicke hier gerne in andere Ausbildungsberufe. Dort finden Praktika, praktische Workshops, Infoveranstaltungen und Austauschprogramme wie Erasmus statt, die auch von Azubis besucht werden dürfen. Warum dürfen unsere ReFa-Azubis nicht in einer Kanzlei im Ausland Erfahrungen sammeln? In der heutigen Zeit der Globalisierung ist dies unabdingbar. Die Kanzleien werden immer internationaler, Englisch ist – vor allem in den Großstädten – tägliche Praxis in den Anwaltskanzleien. Azubis werden oft ins ‚kalte Wasser‘ geworfen, unvorbereitet und verlieren dann oft die Muse.“ 

Punkt zwei: Weiterbildung. Woran hapert es hier Ihrer Meinung nach?

„Dazu fällt mir folgender Satz ein, den ich öfters gehört habe: "Was meine Azubis brauchen, bringe ich ihnen selber bei. Wozu noch ein weiteres Fachbuch? Das können sie auch in den Kommentaren oder der vorhandenen Bibliothek der Kanzlei finden." Falsch gedacht. Mögen noch so viele Bücher in der Bibliothek oder in Online-Portalen verfügbar sein. Was Azubis brauchen, ist ein Buch mit einfachen und kompakten Informationen, das an ihrem Arbeitsplatz steht und in dem sie jederzeit blättern und nachlesen können. Kommentare sind oftmals zu umfangreich und mit zu vielen Informationen bespickt, die die Azubis für deren Aufgabenbewältigung gar nicht benötigen. Also liebe Anwältinnen und Anwälte, investiert in die Zukunft der Azubis, gebt ihnen Freiraum, investiert in Workshops und geeignete Fachbücher, lasst sie Auslandserfahrung machen, wenn dies möglich ist. Zeigt ihnen, dass Jura auch Spaß machen kann. Sie sind die Zukunft. Was wäre eine Anwaltskanzlei ohne Azubis und Fachkräfte? Jede Person, egal welcher Ausbildungsstand, hat eine Berechtigung innerhalb des Konstrukts ‚Kanzlei‘ und ist gleichermaßen wichtig. Daher muss das Hierarchiedenken in der Anwaltschaft abgelegt werden.“

… das war Ihr dritter Punkt…

„Genau. Denn fehlen Azubis und Fachkräfte, kann der Anwalt möglicherweise nicht so viel Arbeit annehmen wie er möchte oder ist gezwungen, viel Arbeit – die ihm Azubis und Fachkräfte abnehmen könnten – selbst zu übernehmen. Das Hierarchiedenken muss beendet werden. Dies schafft ein humanes und gut arbeitendes Team, dem die Arbeit Spaß macht.“

Ein weiterer Vorschlag von Ihnen ist eine bessere Vergütung.

„Absolut, die Ausbildungsvergütungsempfehlungen der Rechtsanwaltskammern sind nämlich – gelinde gesagt – ein Witz, ganz zu schweigen von der Erhöhung beim Eintritt in die folgenden Ausbildungsjahre. Sowohl das Einstiegsausbildungsgehalt wie auch die Erhöhung um nicht mal 100 Euro von Ausbildungsjahr zu Ausbildungsjahr locken keinen Azubi. Es lässt auch viele Azubis die Ausbildung wieder abbrechen. Mir ist bewusst, dass es definitiv regionale Unterschiede gibt und geben muss: eine Kanzlei in München hat höhere Verdienstmöglichkeiten als eine Kanzlei auf dem Land. Auch sind die Lebenshaltungskosten in München und anderen Großstädten höher als auf dem Land. Dennoch sollte hier eine grundsätzliche Anpassung erfolgen. Das Ausbildungsgrundgehalt und die Erhöhungsstufen bei den Patentanwaltsfachangestellten sind deutlich höher. Die Ausbildungsgehälter beider Berufsgruppen sollten daher angepasst werden. Die Argumentation, dass PA-Fachangestellte – auch im Hinblick auf Sprachkenntnisse – ein größeres Wissen als RA-Fachangestellte aufweisen müssen, greift für mich nicht.“ 

Ihr fünfter Punkt bezog sich auf die Work-Life-Balance. Was würden Sie optimieren?

„Starre Arbeitszeiten ohne Ausgleichszeiten finden junge Leute heute nicht mehr attraktiv und ist auch nicht mehr zeitgemäß. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten ihre Zeit nicht in der Kanzlei absitzen, wenn alle Arbeit erledigt ist. Sind Überstunden nötig, sollen diese auch in der täglichen Praxis in Freizeit ausgeglichen werden – nicht nur auf dem Papier. Hier spreche ich natürlich von volljährigen Azubis. Warum werden darüber hinaus nicht auch zusätzlich die Arbeitszeiten an High- und Low-Phasen angepasst? Auch Homoffice sollte möglich sein. Die Anschaffungskosten für einen Laptop mit entsprechender Ausstattung für einen Homeoffice-Arbeitsplatz sind meines Erachtens für jede Kanzlei tragbar. Dies ist eine Investition in die Zukunft.  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten sich zumindest für einige Tage in der Woche entscheiden, wo sie ihre Schriftsätze von Band tippen oder ihre Abrechnungen machen. Ich träume von Kanzleien, die flexibel und offen sind, nach keinen starren Mustern arbeiten und auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch mal zugehen.“

Sie sind Autorin einer Formularsammlung für Rechtsanwaltsfachangestellte. Inwieweit hilft Ihr Buch in der Ausbildung?

„Mein Buch soll als täglicher Begleiter am Arbeitsplatz der Azubis und Fachkräfte stehen und auch täglich genutzt werden. Das Buch enthält kompakte Informationen, die für die Bearbeitung für Azubis und Fachkräften von Relevanz sind, wodurch sie nicht gezwungen sind, seitenweise Kommentare zu lesen. Ich wünsche mir, dass viel mehr Anwältinnen und Anwälte dies als Standardwerk für Azubis wahrnehmen.“

Welche Tipps können Sie ReFas und ReNos für den Berufsstart mitgeben?

„Eigeninitiative, Interesse und Engagement sind für die Ausbildung unerlässlich und die Säulen des Erfolgs. Und Bücher sind dazu da, um gelesen zu werden und damit zu arbeiten.“

Weiterführende Links

(Interview: Tobias Fülbeck)

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