Kontext und die Rhetorik

von Peter Winslow, veröffentlicht am 01.07.2021

Wenn man Übersetzer:innen fragt, wie etwas zu übersetzen ist, antworten diese fast ohne Ausnahme mit einer Frage nach dem Kontext. Angesichts dieser Frage und ihrer Häufigkeit als Antwort auf Übersetzungsfragen könnte man meinen, der Kontext ist der wichtigste bestimmende Faktor beim Übersetzen. Und vielleicht stimmt das. Das stimmt sicherlich bei bestimmten Begriffen wie »Leiter« und »Leiter«, »Gesellschafter« und »Gesellschafter«. Jakobsleiter ist nicht gleich Leiter Jakob, ein Gesellschafter einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung nicht gleich ein Gesellschafter einer Kommanditgesellschaft. Betrachten wir ein weiteres Beispiel.

Wer im Rahmen einer FRAND-Diskussion den Begriff »Lizenzsucher« ins Englische übersetzen möchte, sollte wissen, dass dieser etwa im Urteil des Gerichtshofs vom 16. Juli 2015 in Rechtssache C-170/13 – Huawei Technologies/ZTE – vorkommt und dass dieses Urteil in englischer Sprache vorliegt. Man kann »applicant for the licence« gut oder schlecht finden, aber man kann weder diesen Kontext noch diesen englischen Begriff außer Acht lassen. Sich etwa an dem buchstäblichen Sinn des Begriffs zu haften, hälfe nämlich nicht weiter. Etwa »license seeker« wäre amüsant und nicht ganz ohne Begründung; man könnte argumentieren, dass sich »Lizenzsucher« orthographisch an den deutschen Begriff »Wahrheitssucher« anlehnt, wie sich der Philosoph Ludwig Wittgenstein 1934 in einem Brief an seine Schwester Helene nannte – ein Begriff, der mindestens seit den 1990igern zutreffend mit »truth-seeker« übersetzt wird.[1]

Diese fiktive Argumentation scheiterte aber an einer echten Tatsache. »License seeker« ergibt genauso viel Sinn wie »special value« als Übersetzung des Begriffs »Sonderwert« im Rahmen einer Immobilienbewertung – was man leider ab und an bei Übersetzungen von Immobilienbewertungen sieht. Wie sich »special value« nach einem besonderen oder gar sonderbaren Wert anhört, hört sich »license seeker« nach einer Person an, die nach Lizenzen sucht wie nach Schätzen. After all, a truth-seeker is someone who seeks the truth, looks for it, goes after it. Die richtige Vorgehensweise besteht also in der Berücksichtigung des Kontexts, in dem der Begriff »Lizenzsucher« vorkommt. Diese Berücksichtigung muss keine unangemessene Einschränkung der Übersetzungsmöglichkeiten zur Folge haben. Man könnte zum Beispiel die englische Entsprechung etwa eins-zu-eins übernehmen, in etwa »license applicant« leicht umschreiben, einen abweichenden Begriff finden oder sich ausdenken, diesen gefundenen oder ausgedachten Begriff dann im Rahmen einer Anmerkung in Schutz nehmen.

In solchen Fällen wie dem obigen wird viel Kontext benötigt, um einen einzigen Begriff richtig zu übersetzen. Man könnte meinen, der Kontext ist der wichtigste bestimmende Faktor beim Übersetzen. … Überhaupt scheint er hier unerlässlich, sachdienlich, weiterzuhelfen. Aber man ahnt auch eine gewisse Gefahr, die Übersetzungstätigkeit dahingehend falsch zu verstehen, dass diese lediglich in dem Übersetzen von Wörtern und Begriffen, fachlichen oder sonstigen, besteht. In Wirklichkeit besteht diese Tätigkeit nicht darin. Sie besteht in der Umsetzung erforderlichen Fachwissens, das nicht allein in fachlichen oder sonstigen Entsprechungen ausgangs- und zieltextlicher Wörter und Begriffe besteht. Dieses Fachwissen besteht unter anderem in einem Können, das gegenständliche Fahrwasser sicher zu navigieren, und dient – etwas überspitzt ausgedrückt – der Meidung amüsanter Scheintiefen (wie »special value«) und sprachlicher Unglücke.

Zu diesen Unglücken gehört die paradoxe Übersetzung. Beim Übersetzen wird alles richtig gemacht. Der Kontext wird berücksichtigt. Die Übersetzung erfüllt die gängigen Kriterien der Richtigkeit und Vollständigkeit. Und die Übersetzung ist trotzdem unzutreffend. —Führen wir ein Beispiel vor Augen, einen Aphorismus von Karl Kraus:

»Am unverständlichsten reden die Leute daher, denen die Sprache zu nichts anderem dient, als sich verständlich zu machen«.[2]

Dieser Aphorismus ist in Sprüche und Widersprüche enthalten, einem Sammelband von Aphorismen, deren Löwenanteil Karl Kraus in seiner Zeitschrift Die Fackel über mehrere Jahre veröffentlicht hat, und er gehört zu einer Reihe von Aphorismen, die Menschen, Dummheit und unverständliche Situationen behandelt. Nun schauen wir uns die englische Übersetzung dieses Aphorismus an, die in Herrn Jonathan McVitys Übersetzung des oben genannten Sammelbands enthalten ist (nebenbei sei angemerkt, die Übersetzung des Titels ist beneidenswert clever: Dicta and Contradicta). Seine Übersetzung lautet:

»The most incomprehensible babblers are the people who only use language to make themselves clear«.[3]

Herr McVity hat alles richtig gemacht. Er hat den Gesamtkontext dieses Aphorismus berücksichtigt – er hat den ganzen Sammelband übersetzt. Seine Übersetzung erfüllt die gängigen Kriterien. Sie ist richtig, sie ist vollständig. Höchstens könnte man beanstanden, dass das Wort »only« an unglücklicher Stelle steht – besser, könnte man meinen, wäre: »the people who use language only to make«. Oder man könnte fragen, ob »babblers« als Übersetzung von »Leute daherreden« eine künstlerische Freiheit darstellt, die lieber und besser gefesselt bliebe. Oder man könnte fragen, ob Herr McVity dem kraus’chen Gedanken »der Sprache dienen« wirklich gerecht wird. Das alles läuft über Meinungsverschiedenheiten hinaus, die nichts zu einer wohlwollenden Bewertung von Herrn McVitys Übersetzung beitragen. Seine Übersetzung ist gut. Punkt.

Nichtsdestotrotz ist Herr McVitys Übersetzung paradox. Sie ist gut, aber unzutreffend. Kraus’ Aphorismus enthält eine Mischung zweier rhetorischer Figuren. Grob gesagt sind diese (1) Symploke, die Wiederholung des gleichen Worts oder der gleichen Wortgruppe am Anfang und am Ende eines Satzes oder mehrerer Sätze, und (2) Polyptoton, die Wiederholung eines Wortstamms mit Abwandlung. Sprich: Der Wortstamm »verständlich« steht am Anfang und am Ende des Aphorismus; er wird mit Abwandlung wiederholt: »unverständlichsten« und »verständlich«. Für Kraus dienen diese Figuren aber nicht der Befriedigung eines ästhetischen Bedürfnisses.

Für Kraus dienen diese Figuren der Gestaltung und – um einen furchtbaren Ausdruck zu verwenden – der Mitteilung eines Inhalts. Man könnte Aufsätze zur Bedeutung dieses Aphorismus schreiben. In jedem Aufsatz wäre festzuhalten, dass »unverständlich« und »verständlich« Antonyme sind, Widersprüche, Gegensätze, und dass genau dieser Umstand im Aphorismus bildlich widergespiegelt wird. Die Wörter »unverständlichsten«und »verständlich« stehen an sich entgegengesetzten Enden des Satzes. In diesem Punkt unterscheidet Kraus nicht zwischen Gestaltung und Mitteilung. Kraus gestaltet die Mitteilung mittels der Rhetorik.

Wie für Kraus stellen rhetorische Figuren auch für Übersetzer:innen kein ästhetisches Bedürfnis dar. Sie stellen sprachlich objektive Merkmale eines Textes dar. Und Übersetzer:innen sollten diese entweder in der Übersetzung selbst oder im Rahmen einer Anmerkung berücksichtigen, soweit diese Berücksichtigung notwendig oder sachdienlich ist. Hier ist diese beides – hier meine (nicht die einzig mögliche) Übersetzung:

»The most unintelligible prattle comes from people for whom language serves no purpose other than to make themselves intelligible«.

Rhetorische Figuren beeinflussen nicht nur den Satzbau, wo was steht, sondern auch die Wortwahl, welche Wörter in Frage kommen. Das gilt fürs Schreiben und fürs Übersetzen. Das ist auch der Grund dafür, dass meine Übersetzung von McVitys abweicht, ja komplett anders ist. Da ich die Symploke in englischer Sprache umsetzen wollte, musste ich nicht nur den Satz entsprechend bauen, sondern auch ein Wortpaar finden, das passt: Antonyme/Widersprüche/Gegensätze, die gewöhnlich wirken und ohne Weiteres verständlich sind. Da schied zum Beispiel das Paar »not understandable/understandable« aus; dieses Paar ist kein Wortpaar im Sinne der rhetorischen Figur Polyptoton. Da schieden aber auch weitere Wortpaare wie »incomprehensible/comprehensible« oder »unfathomable/fathomable« oder »ungraspable/graspable« aus. Etwa »[t]he most incomprehensible prattle comes from people for whom language serves no purpose other than to make themselves comprehensible« fällt irgendwie flach; ist, jedenfalls für meine Begriffe, zu umständlich.

Diese Ausführungen sollten nicht den Eindruck vermitteln, dass ich eine einzige Übersetzung von den über 900 in Dicta and Contradicta enthaltenen Aphorismen kritisieren oder Herrn McVitys hervorragende Leistung infrage stellen möchte. Hier wollte ich lediglich zeigen, dass die Mitteilung bestimmter Inhalte mittels der Rhetorik auch im Rahmen einer Übersetzung mittels der Rhetorik gestaltet werden kann.

Hier wollte ich dies zeigen, weil auch Rechtsanwält:innen Mitteilungen bestimmter Inhalte mittels der Rhetorik gestalten, die Übersetzer:innen für ihren Teil berücksichtigen können und – unter Umständen – sollten. Zum Bespiel: Wenn Rechtsanwält:innen schreiben, dass etwas »nicht unerheblich« ist, verwenden sie die rhetorische Figur Litotes, eine komplizierte Figur, die – grob gesagt – entweder eine doppelte Verneinung oder eine Verneinung des Gegenteils beinhaltet. Mit »nicht unerheblich« kann man meinen, dass etwas erheblich oder dass lediglich die Verneinung des Erheblich-Seins haltbar ist. Sometimes the latter is the most charitable phrasing one can offer.[4] In beiden Fällen meidet man die starke Behauptung und bietet eine abgeschwächte an – zu den unterschiedlichsten Zwecken.

Aber Rechtsanwält:innen verwenden nicht nur diese rhetorische Figur; sie verwenden auch weitere. Eine nicht unhäufige ist die Anadiplose. Wie eine Anzahl rhetorischer Figuren ist auch die Anadiplose eine Art Wiederholung. Grob formuliert: Das letzte Wort oder die letzte Wortgruppe am Ende eines Satzes oder Absatzes wiederholt sich als das erste Wort oder die erste Wortgruppe am Anfang des nächsten Satzes oder Absatzes. Ein einfaches, aber klares Beispiel kommt oft in Verbindung mit der Figur Polyptoton vor: »… ist unzutreffend. Zutreffend ist …«. Der Wortstamm »zutreffend« steht am Ende des einen Satzes und wird am Anfang des nächsten mit Abwandlung wiederholt.

Die Litotes und die Anadiplose sind nur zwei rhetorische Figuren, die Rechtsanwält:innen verwenden. Es gibt etliche weitere. Um nur vier zu nennen:

  1. der Chiasmus (auch commutatio genannt), »die Gegenüberstellung eines Gedankens und seine Umkehrung durch Wiederholung« (z. B. alle personenbezogenen Daten sind Daten, aber nicht alle Daten sind personenbezogene Daten«);[5]

  2. die rhetorische Frage;

  3. die Hypophora, grob das Stellen und Antworten auf einer Frage durch die Fragestellenden selbst;

  4. die Prolepsis, grob die Vorwegnahme etwa eines Einwands.

Für juristischen Fachübersetzer:innen hat dies zur Folge, dass sie die für ihr Fachgebiet wichtigsten rhetorischen Figuren kennen und im Einzelfall identifizieren und aufgrund dieser feststellen müssen, was im Einzelfall rhetorisch – und somit tatsächlich – gemeint ist. Für diese Übersetzer:innen hat dies zur Folge, dass sie im gegenständlichen Fahrwasser ab und an Halt machen müssen. Wenn sie etwa »nicht unerheblich« lesen, dürfen sie nicht ohne Weiteres von der doppelten Verneinung ausgehen; sie müssen feststellen, ob diese oder die Verneinung des Gegenteils gemeint ist. Wenn mit »nicht unerheblich« die Verneinung des Gegenteils gemeint ist und man dies mit einer zieltextlichen Entsprechung von »erheblich« übersetzte, so wäre die Übersetzung weder richtig noch haltbar. Entsprechendes gilt aber auch im Falle der doppelten Verneinung. Entsprechendes gilt im Falle der Anadiplose. Entsprechendes gilt für alle rhetorischen Figuren. Man muss Halt machen, die rhetorische Figur identifizieren, die Bedeutung des Inhalts feststellen, eine passende Übersetzung finden. And so it goes …

Fazit ist: Zur Feststellung der jeweils durch eine rhetorische Figur entstehenden Bedeutung hilft der Kontext; er ist aber nicht, zumindest nicht notwendig, der wichtigste bestimmende Faktor beim Übersetzen. Der Kontext ist nur Teil des gegenständlichen Fahrwassers, das Übersetzer:innen sicher navigieren müssen, um sprachliche Unglücke und Scheintiefen (egal wie amüsant) zu meiden.

 

Endnoten

 1 Siehe: (1) Seite 3, Ray Monks Ludwig Wittgenstein: The Duty of Genius. London: Vintage Books, 1991, (2) den Brief, Nr. 116, Seite 147, in Wittgenstein: Familienbriefe, herausgegeben von Maria Concetta Ascher, Brian McGuinness und Otto Pfersmann. Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, 1996, und (3) meine Übersetzung des Briefes, Seiten 196–97, in Wittgenstein’s family letters: corresponding with Ludwig, herausgegeben von Brian McGuinness, übersetzt von Peter Winslow. London: Bloomsbury Academic, 2018.

 2 Seite 66, Sprüche und Widersprüche. In Aphorismen, herausgegeben von Christian Wagenknecht, 7–178. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986.

 3 Seite 42, in Karl Kraus. Dicta and Contradicta. Übersetzt von Jonathan McVity. Urbana and Chicago: University of Illinois Press, 2001.

 4 Vergleiche Seite 205, Ward Farnsworth, Farnsworth’s Classical English Rhetoric. Boston: David R. Godine · Publisher, 2011.

 5 Seite 395, § 800, in Heinrich Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik: Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. 3. Auflage. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 1990.

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27 Kommentare

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Sehr geehrter Herr Winslow,

das ist ein sehr kluger und interessanter Beitrag. Sie weisen nach, dass es für eine wirklich gelungene Übersetzung nicht einmal ausreichend ist, beide Sprachen auf muttersprachlichem Niveau zu beherrschen und sich mit der Materie, von der die Rede ist, auszukennen. Man sollte auch die verwendeten Stilmittel analysieren und sinnvoll übertragen können.

Betrüblich ist etwas, wofür Sie wenig können: der Zeitgeist übt Druck auf uns alle aus, dies zu tun. Ihr Text reißt uns nicht weniger als elf mal aus der Lektüre und aus seinem Inhalt, um uns mitzuteilen, an wieviele Geschlechter wir zu denken haben, während wir diesen Text, der inhaltlich nicht von Geschlechtern handelt, lesen und zu verstehen versuchen. Nachdem man rausgerissen wurde, muss man das "Gedöns" aktiv ignorieren und wieder in den Text finden. Eine Zumutung. Wie geagt, Sie können wenig dafür, trotzdem musste das mal gesagt werden.

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Sehr geehrter Gast,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Man könnte so viel sagen. Sie haben Recht. Das Gendern ist angekommen. Für diesen Umstand können wir alle nichts tun, für den weiteren Umgang mit ihm aber schon. Ich für meinen Teil versuche so zu schreiben, dass ich das Gendern vermeide. Nichtsdestotrotz habe ich elf mal gegendert – nein, elf mal gendern müssen. Erlauben Sie mir ein paar Worte zur Erläuterung oder gar Verteigung.

Im Deutschen finde ich das Gendern nicht schön, ja sogar häßlich. Dies gilt sprachlich, dies gilt typografisch. Sprachlich kann das Gendern oft für zu viele Silben und (mündliche) Stolpersteine sorgen. Diese Silben und Stolpersteine können wiederum für umständliche Sätze und unschöne Satzkadenzen sorgen. Typografisch kann das Gendern für unschöne Wort-, Satz- und Zeilenbilder sorgen. (Nebenbei sei angemerkt: Das Gendersternchen geht gar nicht. Es erinnert mich unweigerlich an ein Fußnotenzeichen und scheint besagen zu wollen, dass das Gendern leglich Nebensache ist, wie Fußnoten Nebensachen sind oder zumindest sein sollten.) Sprachlich und typografisch kann das Gendern auch gekünstelt/künstlich wirken. Hören Sie nur Politiker:innen im Fernsehen oder Radio an (ist »Politiker:innen« umständlicher, häßlicher, sprachlich oder typografisch problematischer als »Politikerinnen und Politiker«?) Hinzu kommt: Das Gendersternchen und der Doppelpunkt sind keine Buchstaben; sie sind nicht alphabetische Zeichen wie Punkte, Kommata und Anführungszeichen. Man könne meinen, nicht alphabetische Zeichen gehörten nicht zum Wortbau. Und man wird da nicht Unrecht haben.

Aber man hat da auch nicht Recht. Ich gendere, weil ich der Ansicht bin, dass die Sprache, wie die Welt, stets im Wandel ist und dass der Wandel der Welt die Sprache genauso mitbestimmt wie der Wandel der Sprache die Welt. Ich gendere, weil Frauen sprachlich und typografish anerkannt werden sollen – zumindest sprachlich und typografish berücksichtigt werden sollen. Ich gendere, weil es Nichtbinäre und andere Menschen gibt, die sich weder als männlich noch als weiblich identifizieren. Ich verstehe diese Menschen nicht, auch Frauen nicht. Ich gebe's zu. Aber all diese Menschen sollten sprachlich und typografisch anerkannt – zumindest sprachlich und typografisch berücksichtigt werden. ——Das ist meine Antwort auf den Einwand, das Gendern lenke vom eigentlichen Inhalt ab.

Das Gendern ist nicht allein sprachliche oder typografische Gestaltung. Das Gendern ist nicht vom Inhalt getrennt. Das Gendern ist die gestaltete Mitteilung eines Inhalts mittels der Sprache. Mit dem Gendern wird zumindest versucht, Frauen, Nichtbinäre und andere Menschen sprachlich zu berücksichtigen – das heißt, in der Sprache sichtbar zu machen. Die Ablehnung des Genderns hört sich für mich immer nach der Beschwerde an, dass Frauen, Nichtbinäre und andere Menschen lästig sind. Die Ablehnung des Genders läuft fast ausnahmslos über eine Variation der Befürwortung des generischen Maskulinums hinaus, als wäre Frauen oder Nichtbinäre nur eine Art generischer Männer, zumindest was das Schreiben angeht. Diese Ablehnung hört sich für mich an, als wollte man sich nicht von der eigenen Komfortzone bewegen. Sie hört sich für mich an, als sollte das Schreiben und das Denken immer da aufhören, wo das Verständnis aktuell aufhört – 2018 erließ der BGH ein rechtlich richtiges, aber menschlich dummes Urteil, in dem genau dies für Recht erkannt wird. Auch wenn dies rechtlich stichhaltig ist, ist dies längst nicht rechtens. Es ist ja alles verkehrt: Weder das Schreiben, auch zu den verschiedenen Zwecken, noch das Denken sollte da aufhören, wo das Verständnis aufhört. Das Schreiben sollte uns herausfordern; neue Denkweisen fördern; uns vor ernsthafte Fragen stellen, auf die wir dann menschliche Antworten finden müssen. Und das Denken sollte uns dabei helfen.

Wenn wir Glück haben, wird das Gendern zu einer besseren Welt führen, in der die verschiedensten Menschen angemessene Akzeptanz or something like it finden. Zur Klarstellung stellt das Gendern keine angemessene Akzeptanz dar; es stellt ein Mindestmaß an Anerkennung dar, die – wenn wir Glück haben – zukünftig zum besseren Verständnis unserer Mitmenschen führt. Wenn wir Glück haben, werden auch die sämtlichen Probleme – zuviele Silben, Stolpersteine, die typografische Häßlichkeit etc. – die das Gendern aktuell mit sich bringt, zukünftig gelöst.

PS: wie würden Sie die folgenden beiden Sätze übersetzen?

1. Übersetzer:innen sollten dies berücksichtigen.

2. Übersetzer sollten dies berücksichtigen.

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Ich weiß, woauf Sie hinaus möchten. Bei der Übersetzung dieses besonderen Worts »Übersetzer« – oder »Übersetzer:innen« – sieht man das Gendern im Englischen nicht – translators are translators are translators. Und da haben Sie Recht. Dieses Thema habe ich bereits teilweise behandelt – im Rahmen eines früheren Beitrags. Ihre Frage ist gleichsam zu spezifisch. Wittgenstein würde sagen, Ihre Frage ist zu einseitig. Sie müssen andere Beispiel unter die Lupe nehmen: etwa »die Vorsitzenden«. Wie sollte man dies ins Englische übertragen? »Chairmen«? Das verstöße unter Umständen gegen das Gebot der Genderneutralität im Englischen. Bei diesem Beispiel gilt: Soweit eine der Vorsitzenden eine Frau ist, wäre dieser Begriff nicht mit »chairmen«, sondern mit »chairpersons« zu übersetzen.

Ich bin eine Frau und halte Gendern für eine Vergewaltigung der deutschen Sprache. Der gute alte Plural macht keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern und bezieht sie mit ein. Es bedarf keiner "Anerkennung" mittels künstlicher Sprachakrobatik. Diese ideologisch aufgeblasene Diskussion rund ums Gendern ist aber ein Beispiel dafür, dass in diesem Land inzwischen der Schwanz mit dem Hund wackelt. Wir leben (noch) in einer Demokratie, die nur funktioniert, wenn die (schweigende) Mehrheitsgesellschaft nicht von einer (lauten) Minderheitengesellschaft dominiert wird. Minderheiten und Benachteiligte bedürfen des Schutzes der Gesellschaft und des Rechts. Keine Frage. Aber auch hier gilt: Die Leistung eines Menschen verdient Anerkennung, nicht sein Geschlecht. Leider sind wir gerade dabei, unsere Freiheiten selbstauferlegten Diktaten zu unterwerfen und Bewährtes von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Nichts in diesem Land ist mehr heilig: Weder das Staatsgebiet noch das Staatsvolk und seine Sprache. Gehen wir auf diesem Holzweg weiter, wird nicht mehr viel übrig bleiben, was noch Anerkennung verdient. 

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Ich freue mich über die überaus klare Stellungnahme aus der Feder einer Frau, die mich darin bestärkt, dass Hopfen und Malz doch noch nicht ganz verloren ist und die Stimme der Vernunft irgendwann einmal wieder die gegenwärtige dumme Mode übertrumpfen wird. Ich danke Ihnen! Sprache ist Kultur und nicht nur Geschwätz und pubertäre Modeerscheinung. Andernfalls sehe ich für das Volk der Dichter und Denker (bzw. Dichter:innen und Denker:innen) kohlrabenschwarz.

Apropos deutsche Sprache: Ein Fahrwasser navigiert nicht, ebenso wenig wie ein Pferd reitet oder ein Auto lenkt.

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Apropos deutsche Sprache: Ein Fahrwasser navigiert nicht, ebenso wenig wie ein Pferd reitet oder ein Auto lenkt.

Lesen Sie den Beitrag bitte noch einmal. Nirgends steht »ein Fahrwasser navigiert«. 

Sehr geehrte Frau mio217,

leider wird auf beiden Seiten der Gendern-Debatte eine »ideologisch aufgeblasene Diskussion« geführt. Diese Diskussion wird nicht weiterführen, wenn die Beteiligten vor diesem unglücklichen Umstand nicht Halt machen. Auch Ihr Kommentar enthält »ideologisch aufgeblasene« Elemente. Diese Elemente sind eine vereinfachte Auffassung der Demokratie und eine furchtbare Auffassung des Menschen. Ich fürchte sogar, Sie geraten in ein Spannungsverhältnis, wenn nicht in einen Widerspruch.

Was die vereinfachte Auffassung der Demokratie angeht: Nach Ihrer obigen Auffassung könnte man meinen, die Demokratie sei eine Diktatur der Mehrheit – oder wie Karl Kraus dies einmal formulierte: »Demokratisch heißt jedermanns Sklave sein dürfen« (F 333: 1). Die Demokratie ist keine Gesellschaftsform – um Kraus etwas aus dem Zusammenhang gerissen zu zitieren – die durch einen von der Mehrheit auferlegten »Zwang zur Freiheit leitet« (eben da). Wenn die deutsche Demokratie so aussähe, wie Sie vermutlich möchten, so wären alle gezwungen, (klar definierte?) Freiheiten entweder auszuleben oder aufzugeben: Sie dürften das generische Maskulinum verwenden, ich müsste das Gendern aufgeben. Eine auferlegte Freiheit, auch eine mehrheitlich/demokratisch auferlegte Freiheit, führt zu einem ernstzunehmenen Spannungsverhältnis, wenn nicht zu einem Widerspruch. Heute haben wir beide unsere Freiheiten in Ihrem Sinne: Sie können das generische Maskulinum verwenden, ich kann gendern. Meine Freiheit schränkt Sie keineswegs in Ihrer Freiheit ein. Sie lamentieren meine Freiheit und werfen mir, einem Ausländer, entweder gesellschaftliches Dominierungsdenken oder die Auferlegung von Diktaten oder beides vor. Ich will Ihnen nichts wegnehmen, Sie mir schon. Wer will wem was auferlegen? Wer will Freiheiten einschränken? Ich möchte nur, dass Sie beim Schreiben etwas umdenken. Ich verlange kein konkretes Ergebnis. Eins ist mir wünschenswert. Aber mit dem Umdenken allein kann ich mich zufrieden geben. Unterm Strich gilt: Wir brauchen bessere Begriffe, eine bessere Qualität der offenen Debatte, eine langsamere Diskussion, wir brauchen Geduld und Verständniss.

Nichts ist mehr heilg, da haben Sie Recht. Sie scheinen aber etwas aus dem Auge verloren zu haben. Der Umstand, dass nichts mehr heilig ist, hat keine Diktate, weder selbstauferlegte noch politische auferlegte, zur Folge. Dass ich mich anders verhalte als Sie, heißt nicht, dass Sie sich verhalten sollten wie ich mich. Man sollte in dem Verhalten unserer Mitmenschen keine Befehle, keine Aufforderung zur Anpassung vernehmen. Selbstständiges Denken und überzeugende Argumente waren und bleiben angebracht. Nehmen wir lediglich ein Beispiel: Vermutlich pinkeln Sie im Sitzen. Ich nicht. Aber ich sehe nicht in Ihrem Sitzen eine Aufforderung zum Sitzen, wenn ich pinkele. Spaß beiseite: Menschen sind anders; keiner gleicht dem anderen. Der Mensch, wie die Welt und wie die Sprache, ist im Wandel. Aber es gibt immer noch bedeutende Ähnlichkeiten. Menschen wollen sein, wer sie sind. Menschen wollen leben, wie sie wollen. Dieses Wollen ist nicht immer gut, ist nicht immer wünschenswert. Dennoch gilt abgesehen etwa von bestimmten Straftaten: Das eigene Verhalten ist nicht mit der Aufgabe der eigenen Freiheit gleichzusetzen. Im Gegenteil: Das ist gelebte Freiheit. Freilich ist dies etwas vereinfacht ausgedrückt. Ich berücksichtige nicht etliche Nuancen. … Still, my point stands: Man sollte durch Argumente, selbstausgedachte und politische, überzeugen, die auch durchs Verhalten verstärkt werden können. ich wiederhole: Nicht das Verhalten, sondern die Argumente sollen überzeugen.

Was die furchtbare Auffassung des Menschen angeht: Menschen sollten nicht, zumindest nicht allein, durch ihre Leistung Anerkennung finden. Diese Auffassung des Menschen ist eines der schlimmsten Elemente des heutigen »konservativen« Denkens. (You've said the quiet part out loud; daher auch die Anonymität?) Diese Auffassung führt unter Umständen dazu, dass man Menschen wie Herrn Hans-Georg Maaßen oder Herrn Rudy Guilliani anerkennen sollte, weil sie im Leben viel geleistet haben. Allein aus diesem Grund ist diese Auffassung nicht haltbar. Hinzu kommt jedoch: Diese Auffassung droht zu einseitig zu werden und eine andere gesellschaftliche Folge schmackhaft zu machen, nämlich diese: dass man Menschen, die nichts leisten bzw. nichts leisten können, weil sie etwa schwer behindert bzw. gesellschaftlich oder anderweitig benachteiligt sind, nicht anerkennen sollten. Aber: Noch sollten Menschen durch ihr Gender allein Anerkennung finden. Menschen – auch Nichtbinäre und auch leider Herr Maaßen – sollten deswegen Anerkennung, zumindest Berücksichtigung, finden, weil sie Menschen und Teil unserer Gesellschaft sind.* Erst wenn man diesen Gedanken auslebt und die Konsequenzen aus ihm zieht, wird eine angemessene Grundlage für eine weiterführende Diskussion rund ums Gendern gelegt.

Zum Schluss: Der status quo ärgert mich, das Gendern Sie. Wir müssen Geduld haben, alle beide. Man sieht zwei Enden eines Spektrums; findet eins gut, eins schlecht; und verhält sich, reagiert, entsprechend. Eine »Mehrheitsdiktatur« ist genauso schlimm wie eine »Minderheitsdiktatur«. Eine Diktatur ist schließlich eine Diktatur. Wir brauchen etwas anderes. Wir brauchen Hegel: These, Antithese, Synthese. Wir müssen das Gute, womöglich das Beste, von beiden Enden des politischen Spektrums in einer neuen Möglichkeit vereinen. Die besten Absichten und die besten Argumente auf beiden Enden des Spektrums sollten berücksichtigt und zu einer besseren Gesellschaft für alle führen, auch für Herrn Maaßen und Herrn Guillani, auch für Minderheiten und Benachteiligte (darin sind wir uns ja einig). Das wäre jedenfalls meine Hoffnung. Wir machen Halt und sprechen in aller Ruhe miteinander, gerne polemisch, satirisch, aufgeregt. Aber langsam und mit etwas Geduld.

 

* Ja, als Ausländer behaupte ich, dass ich Teil der deutschen Gesellschaft bin. Sie ist auch meine Gesellschaft. Hier habe ich Frau und Kind, Haus und Hof, Freunde und Katze. Ich weiß sogar, was Raclette ist. 

Bei der geschlechtergerechten Sprache handelt es sich um den reinen Ausdruck einer rücksichtslosen, radikalfeministischen Agenda. Statt sich des generischen Maskulinums als sinnvollen Ausdrucks der Gleichbehandlung aller Geschlechter, Altersgruppen, Nationen und "Rassen" zu bedienen, wollen die Radikalfeministen der Sprachgemeinschaft eine revolutionäre, elitär selbstbezogene Ausdrucksweise überstülpen, die keiner braucht und ohne Rücksicht darauf, dass dann alle anderen möglichen identitären Gruppen wegen des Gleichbehandlungsgrundsatzes auch einen Anspruch auf eine solche auf ihre Gruppe bezogene revolutionäre Sprachveränderung hätten. Das bedauenswerte (aber für die Radikalfeministen offenbar nicht zu ändernde, also hinzunehmende) Los der ''Nicht-Binären'' ist ungelöst. Die Kinder fordern dann auch eine kindgerechte Sprache, denn auch sie sind bisher "unsichtbar" und wollen nach Art. 3 GG und § 1 AGG berücksichtigt und "sichtbar" werden mit sehr vielen typischen "Silben- und Lautwiederholungen" in der Sprache. Dann kommen die Senioren, die mit dem ganzen Quatsch schon lange nicht mehr klarkommen und wollen wieder "sichtbar" werden, indem man alle Sprachverirrungen der "Jugend", also Anglizismen und unverständliches IT-Deutsch verbietet und statt ''Teenager'' wieder ''Backfisch'', statt ''Handy'' ''tragbares Telefon'' und statt "to Go" einfach "zum Mitnehmen" sagt. Dann kommen Menschen nichtdeutscher Herkunft, die nach Art. 3 GG, § 1 AGG ebenfalls "sichtbar" zu sein haben und statt der deutschen "Kirche" einen "religiösen Gemeinschaftsraum" und das Verbot des ekligen Begriffs "Schweinshaxe" und des sündigen "Weizenbiers" fordern und dafür "Hefewasser" sagen wollen. Und überhaupt die "Rassen". Sie wollen keine "generische Menschensprache" mit der zwar alle Bürger gemeint sind, sie als andere (nichteuropäische) "Rassen" aber völlig "unsichtbar" sind, weil jeder automatisch an einen Deutschen denkt, wenn er "Metzger" hört und nicht an den jüdischen oder islamischen Schächter. Künftig muss es dann also heißen Sch:Metzger (mit in der Schule zum Pflichtfach gehörenden Gutturalknacks natürlich!). Und so weiter und so fort, jede potentielle Gruppe bekommt ihre eigene "Sichtbarkeit" in unserer deutschen Sprache. Schlimm genug, dass man sich mit solch spätpubertären Kindereien ernsthaft beschäftigen muß. Aber wenn das schon sein musss, dann muss es bis zum bitteren Ende gedacht werden.

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Als ich vor einer »ideologisch aufgeblasenen Diskussion« auf beiden Seiten gewarnt habe, meinte ich nicht, dass man ein Dammbruchargument bringen soll. Dammbruchargumente können manchmal sehr wenig überzeugen – und hier erst recht überzeugt das Dammbruchargument sehr wenig. Aber das wissen Sie selbst. Oder glauben Sie wirklich, dass ein Doppelpunkt oder ein Sternchen oder ein Unterstrich zu einem Zwergaufstand führt? zu Sprachverboten durch Senioren? zu einem »religiosen Gemeinschaftsraum« durch Nichtdeutscher wie mich? zu Bierbezeichnungsverboten? und und und? Das glauben Sie alles nicht. Und da man nicht glauben kann, dass Sie das alles glauben, trägt dieses Dammbruchargument sehr wenig zur eigentlichen Debatte bei. Auch satirisch oder polemisch fällt es deswegen flach, weil es so unglaubwürdig ist. Nicht mal ein Kernchen Wahrheit.

Ich wiederhole: Wir brauchen eine bessere Debatte, bessere Beriffe, eine bessere Qualität des Miteinanders beim Finden und beim Erfinden angemessener Antworten auf die Frage des Genderns.

Das ist kein "Dammbruchargument", das ist ein "logisch-weitergedacht-Argument", wie wir Juristen es seit jeher als "argumentum ad absurdum" kennen. Außerdem ist auch durchaus gegen das "Dammbruchargument" nichts einzuwenden, das durchaus zu überzeugenden und seriösen Ergebnissen führt.

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Von Ihrer Verlinkung auf einen Examsvorbereitungsaufsatz und Ihrer Verwendung der Wörter »logisch-weitergedacht-Argument« vernehme ich, Sie sind entweder Studierende oder gerade am Anfang Ihrer Karriere als Jurist:in. Aber two things.

Erstens: Ihr »logisch-weitergedacht-Argument« erfolgt in Form eines Dammbrucharguments. Das eine schließt das andere nicht aus. Nach dem verlinkten Aufsatz zu beurteilen, ist das argumentum ad absurdum sogar eine besondere Form des Dammbrucharguments. Überhaupt: Wenn Sie den verlinkten Aufsatz gelesen haben, so wissen Sie: »Die [durch ein argumentem ad absurdum] aufgezeigten Folgen der Gegenansicht müssen tatsächlich absurd (dem Wortsinn nach widersinnig) sein, nicht bloß unerwünscht oder zweifelhaft« (Ziffer III.1 auf der ersten Seite, Seite 467). Die Folgen Ihres »Arguments« sind nicht absurd; sie sind nicht dem Wortsinn nach widersinnig. Diese zeigen weder, dass meine Ansicht widersprüchlich ist, noch, dass sie irgendetwas oder dass etwas ihr entgegensteht. Sie haben nicht einmal versucht, meine Ansicht darzulegen. Ich weiß daher nicht, wogegen Sie argumentieren. Die wiederholte Verwendung von An- und Abführungszeichen um das Wort »sichtbar« deuten darauf hin, dass Sie ein Problem mit dem Wort haben. Sie scheinen den Gesamtzusammenhang nicht berücksichtigt zu haben. Sie haben sich nicht mit meiner weiteren Argumentation auseinandergesetzt. Daher gilt: Die von Ihnen dargelegten Folgen sind nicht nur zweifelhaft, sie sind sehr zweifelhaft. Bei Ihrem Kommentar wird sogar der Eindruck erweckt, man hat es mit einem Strohmann-Argument zu tun. Um es kurz zu halten: Niemand glaubt, dass das Gendern etwa einen Zwergaufstand oder Bierbeziechnungsverbote, oder … zur Folge hätte. Aufgrund Ihrer Darlegung kann auch niemand das glauben. Wenn Sie den verlinkten Aufsatz gelesen haben, so wissen Sie: »Wer aber genauer hinschaut, wird erkennen, dass es [= das argumentum ad absurdum] oft nicht so elegant überzeugt« (direkt in der Einleitung auf Seite 467). Sie haben unelegant nicht überzeugt. Versuchen Sie's nächstes Mal mit dem sogenannten steelmanning.

Zweitens: Der Eindruck des Strohmann-Arguments wird nur verstärkt; ich habe weder behauptet, dass etwas gegen das »Dammbruchargument« an sich einzuwenden ist noch dass diese Form des Argumentierens nicht zu überzeugenden oder seriösen Ergebnissen führen kann. Ich habe lediglich behauptet, dass Dammbruchargumente »manchmal sehr wenig überzeugen« können und dass Ihr spezifisches Dammbruchargument nicht überzeugt.

 

 

Was als Dammbruchargument formuliert wurde, hat einen sinnvollen Kern:

Warum sollen wir in einem Text, in dem es z.B. um gutes Übersetzen geht, Frauen sichtbar machen? Warum machen wir nicht all die anderen Gruppen sichtbar, die oben genannt wurden? Sind die weniger wert als Frauen?

Auf Deutsch und wohl auch auf Englisch können Angehörige bestimmter Gruppen nicht durch grammatische Formen sichtbar gemacht werden. Translator bleibt Translator, egal ob jung/alt, dick/dünn, "of color" oder nicht, in-/ausländisch. Es gibt keine sprachliche Form für derlei Gruppenzugehörigkeit. Es gibt auch keine Form für Männer. "Übersetzer" können männlich sein, müssen es aber nicht. Sie können schwarz oder weiß sein. Es kommt auch gar nicht darauf an. Es kommt im Text nur darauf an, dass sie Übersetzer sind, also die Tätigkeit oder den Beruf des Übersetzens ausüben.

Die einzige Gruppenzugehörigkeit, die wir auf Deutsch spezifisch markieren können, ist die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht. Das weibliche Geschlecht ist also eigentlich privilegiert. Rein weibliche Gruppen können leicht benannt werden: Lehrerinnen. Rein männliche Gruppen muss man ausdrücklich so bezeichnen, denn "Lehrer" könnte auch generisch gemeint sein - und wird es in der Regel, weil es keinen Grund gibt, rein männliche Lehrergruppen zu bilden.

Erstaunlicherweise meint nun die einzige Gruppe, die sprachlich spezifisch markiert werden kann, dass sie bei unmarkierten Formulierungen nicht hinreichend mitgedacht wird. Und sie besteht auf Doppelnennung. Aber warum sollten wir Frauen spezifisch markieren, wenn wir Frauen (und Männer) nicht spezifisch meinen? Wir markieren ja auch nicht all die anderen o.g. Gruppen.

Die Idee "geschlechtergerechter Sprache" beruht auf dem Ansatz, es sei jeder Leser immer verpflichtet, bei der Lektüre jedes Textes immer an Frauen zu denken. Dem ist aber nicht so. Wir denken ja auch nicht an all die anderen Gruppen.

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Wie oben bereits ausgeführt

Die Ablehnung des Genders läuft fast ausnahmslos über eine Variation der Befürwortung des generischen Maskulinums hinaus […]

Ihr Kommentar ist auch eine Variation dieser Befürwortung. In Ihrem Fall, wie im Fall des Dammbrucharguments, beruht diese leider auf einem scheinbaren Missverständnis des Genderns. Gestern postete Herr Prof. Dr. Stoffels einen Beitrag, in dem genau der Zweck des Genders erläutert wird – vom LAG Schleswig-Holstein. Das Gendern dient nicht dazu, Frauen den Vorzug zu geben. Das Gendern deint auch nicht dazu, alle denkbar möglichen Gruppen sichtbar zu machen. Aus dem Beitrag von Herrn Prof. Dr. Stoffels geht klar hervor: Das Gendern im Allgemeinen und das Gendersternchen im Besonderen

diene einer geschlechtersensiblen und diskriminierungsfreien Sprache und sei auf eine Empfehlung der Antidiskriminierungsstelle der Bundesregierung zurückzuführen. Ziel der Verwendung sei es, nicht nur Frauen und Männer in der Sprache gleich sichtbar zu machen, sondern auch alle anderen Geschlechter zu symbolisieren und der sprachlichen Gleichbehandlung aller Geschlechter zu dienen.

Mit anderen Worten: Das Gendern dient dazu, alle Geschlechter zu symbolisieren, es dient einer sprachlichen Gleichbehandlung aller Geschlechter. Die Antwort auf Ihre Frage »Warum Gendern« lautet also: weil wir uns anstrengen sollten, geschlechtersensibel und diskriminierungsfrei zu schreiben. 

Was Ihre Argumentation im Hinblick auf Englisch anbelangt: Ich habe bereits darüber geschrieben. Ein anderer Gast kam Ihnen zuvor und ich habe auf seinen Kommentar geantwortet. Ihn habe ich auf einen Blogbeitrag von mir hingewiesen, den ich bereits letztes Jahr hier bei der beck-community gepostet habe. Sie weise ich aber auch darauf hin. Aber gerne wiederhole ich mich. Ihr Beispiel ist zu einseitig. Bei dem einen spezifischen Wort »translator« haben Sie recht, aber nur teilweise. Im Englischen gilt das Wort sehr wohl als genderneutral. Es schließt sämtliche Personen mit ein, die übersetzen, unabhängig von ihrem Geschlecht/Gender. Unrecht haben Sie, sobald wir andere Beispiele unter die Lupe nehmen. Es gibt andere Wörter, die nicht als genderneutral gelten. Im Klartext: Im Englischen wird sehr wohl eine genderneutrale Sprache angestrebt und diese Genderneutralität muss auch im Regelfall beim Übersetzen ins Englische umgesetzt werden. Zum Beispiel: Wenn das Gender/Geschlecht von Polizist:innen unbekannt ist, übersetzt man »Polizisten« nicht mit »policemen« (einem nicht genderneutralen Wort), sondern mit »police officers« (einem genderneutralen Wort). Das heißt, wenn etwa »Polizist:innen« im Deutschen stünde, würde dies gendergerecht mit »police officers« übersetzt. Um mich Ihrer Worte zu bedienen: Im Englischen werden sehr wohl »Angehörige bestimmter Gruppen [] durch grammatische Formen sichtbar gemacht«. ——Siehe meinen verlinkten Beitrag für eine ausführlichere Diskussion.

Sie fragen:

Aber warum sollten wir Frauen spezifisch markieren, wenn wir Frauen (und Männer) nicht spezifisch meinen?

In der Sprachphilosophie sagt man »meaning isn't in the head«. Was Ihnen beim Schreiben zwischen den Ohren vorgeht, sieht man im geschriebenen Text nicht, kann man nicht sehen. Man hat nur den Text. Woher sollten Leser:innen wissen, dass Sie weder Frauen noch Männer spezifisch meinen? Woran erkennen sie Ihr Meinen im Text? Ihre Antwort scheint die zu sein: am generischen Maskulinum. Leser:innen erkannten den Umstand, dass Sie weder Frauen noch Männer meinen, an der Tatsache, dass Sie gleichsam nur maskulinspezifisch gendern. Ich weiß nicht, ob Sie mir auf den Arm nehmen. …

Sie schreiben:

Erstaunlicherweise meint nun die einzige Gruppe [d.h., Frauen], die sprachlich spezifisch markiert werden kann, dass sie bei unmarkierten Formulierungen nicht hinreichend mitgedacht wird.

Auch hier weiß ich nicht, ob Sie mir auf den Arm nehmen. Sie möchten von einer Möglichkeit auf eine Tatsache schließen, ohne dass die Tatsache vorliegen muss. Es solle grundsätzlich bei der Möglichkeit bleiben, diese solle nur dann zur Tatsache werden, wenn Frauen in der Tat besonders und spezifisch gemeint sind. Die einzige Gruppe, die sprachlich spezifisch markiert werden könne, solle in der Tat nicht sprachlich spezifisch markiert werden, wenn sie in der Tat nicht besonders und spezifisch gemeint sei. Entsprechendes scheint nicht andersum zu gelten: Wenn Männer in der Tat nicht besonders und spezifisch gemeint seien, sollten Männer in der Tat sprachlich spezifisch markiert werden. Man gerät in ein ernstzunehmendes Spannungsverhältnis, wenn nicht in einen Widerspruch. ——Auch scheint Ihre Meinung nicht zuzutreffen. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch soll im Interview gesagt haben: Aus Sicht des Sprachsystems ergebe es nicht mehr Sinn,

eine männliche Form zu verwenden, um auch Frauen mitzumeinen, als es jetzt der Fall wäre, wenn man umgekehrt eine weibliche Form verwenden würde, um auch Männer mitzumeinen.

Mit dem Gendern wird in diesem Sinne versucht, einen Mittelweg zu finden, den man gut oder schlecht finden kann.  Aber klar ist, dass ein solcher Mittelweg notwendig ist – daher auch der ganze Lärm ums Gendern. Ich wiederhole: Wir brauchen eine bessere Debatte, bessere Beriffe, eine bessere Qualität des Miteinanders beim Finden und beim Erfinden angemessener Antworten auf die Frage des Genderns.

Wir brauchen eine bessere Debatte, bessere Beriffe, eine bessere Qualität des Miteinanders beim Finden und beim Erfinden angemessener Antworten auf die Frage des Genderns.

Die Debatte ist völlig überflüssig und nur die Erfindung einer feministischer "Wissenschaft", die zur Selbstgewisserung eines Daseinsgrunds bedarf und sonst nichts sinnvolles zu tun hat.

Das Gendern dient dazu, alle Geschlechter zu symbolisieren, es dient einer sprachlichen Gleichbehandlung aller Geschlechter. 

In unserer schönen Sprache werden mit dem generischen Maskulinum schon immer alle Geschlechter gleich symbolisiert und völlig gleichbehandelt. Das will nur derjenige und seine Nachplapperer nicht verstehen, der abseits jeden Gleichheitsgrundsatzes im Sinne einer Identitätspolitik nach eigener lifestylischer "Identität" strebt, weil er kein grundrechtlich geschützter, gleichberechtigter Mensch sein will, sondern ein speziell geschütztes Gruppenmitglied. Und das ist grundgesetzwidrig.

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Ab sofort gilt:

Kommentare, die Worte wie »die Radikalfeministen der Sprachgemeinschaft«, »die Erfindung einer feministischer [sic] "Wissenschaft"« oder Ähnliches enthalten, in denen die »Radikalfeministen« oder Vertreter:innen »einer feministischen Wissenschaft« nicht zitiert werden, in denen keine Quelle angegeben wird und in denen man sich nicht ernsthaft mit diesen auseinandersetzt, werden ohne Weiteres gelöscht.

Begründung: Es ist ermüdend, immer wieder vage Beschimpungen gegenüber Gruppen zu lesen, für deren Existenz weder ein Beweis noch ein Nachweis geführt wird. Ernsthafte Ausführungen, ernsthafte Diskussionen sind willkommen. Aber vage Beschimpfungen und Vorwürfe werden nicht mehr geduldet, mit diesen setzte ich mich auch nicht mehr auseinander. Ich habe versucht, Argumentationen erstzunehmen. Ich habe versucht, eine Debatte mit sämtlichen Kommentator:innen zu führen. 

Kommentator:innen, die nur beschmipfen wollen, die nur mit der Welt und einer geänderten Welt unzufrieden sind, werden nur unzufriedener gemacht: Ich lösche Ihren Kommentar.

Sehr geehrter Herr Winslow,

als ich das "Gendern" hier im ersten Beitrag kritisierte, ahnte ich schon, dass ich Ihnen ein wenig Unrecht tue: ich habe Ihren Text zum Anlass für die Debatte genommen, obwohl Sie das Gendern ja nicht erfunden haben. Leider habe ich keinen Einfluss darauf, was andere unter der Bezeichnung "Gast" posten. Nicht alles davon ist erfreulich.

Sie stehen zum Gendern - und das ist in Ordnung. Sie wollen höflich sein, das ist ausgesprochen sympathisch.

Ich halte das Gendern für falsch: es ist eine unsinnige Lösung für ein Problem, das nicht besteht. Denn  niemand würde annehmen, dass zB der im GG genannte Bundeskanzler ein Mann sein muss. Wäre das so, wäre Merkels Kanzlerschaft (nicht: Kanzlerinnenschaft) verfassungswidrig. Niemand, der bei Verstand ist, vertritt das. "Bundeskanzler" ist der Mensch, der den Job des Bundeskanzlers macht. Ob mit diesen oder jenen Genitalien, ist dem GG egal. Weder männliche noch schwerbehinderte Amtsinhaber werden durch das Wort "Bundeskanzler" spezifisch markiert. Nichts spricht dagegen, Frau Merkel Bundeskanzlerin zu nennen. Sie ist weiblich, da kann spezifisch markiert werden. Im Gesetzestext brauchen wir aber nicht bei jeder Normstelle, in der es um Bundeskanzler geht, Belehrungen darüber, mit welchen Genitalien Bundeskanzler ausgestattet sein können. Wir brauchen keine spezifisch weibliche Markierung - wir haben auch keine spezifisch männliche. Nein, Bundeskanzler ist nicht spezifisch männlich, sondern (ich nehme Sie nicht auf den Arm) geschlechtsneutral. Wollte ich nur männliche Bundeskanzler meinen, müsste ich genau das schreiben: "nur männliche...".

Ich kann Ihnen das beweisen. Sie begegnen Frau Merkel und wollen ihr ein Kompliment machen. Sagen  Sie wirklich zu ihr: "Sie sind die beste Kanzlerin, die Deutschland je hatte"? Das wäre ein vergiftetes Kompliment, denn sie ist die einzige Kanzlerin! Sie könnten sagen: "Sie sind der beste Kanzler, den D je hatte". "Kanzler" ist geschlechtsneutral. Und wenn Sie mir das nicht glauben, dann schauen Sie unter https://community.beck.de/2021/07/12/kann-ein-gendersternchen-eine-diskriminierung-sein#comment-256241 . Dort sind geschlechtsneutral formulierte Vorschriften genannt.

Übrigens ist nicht mal das Wort "Mann" spezifisch männlich. Wir haben Frauenmannschaften, keine Frauschaften. Wenn Flugzeuge nur mit Frauen besetzt sind, ist das keine unbemannte Luftfahrt. Die Behauptung, mit dem generischen Maskulinum seien Männer gemeint und Frauen nur mitgemeint, ist falsch. Es sind schlicht keine Geschlechter gemeint. Keine Haarfarben, keine Behinderungen usw.

Vielleicht überzeugt Sie das, vielleicht auch nicht. Es ist Ihr gutes Recht, anderer Meinung zu sein. Aber vielleicht konnte ich meine Meinung etwas näher bringen.

Ich würde gerne die Gelegenheit zu einer Frage nutzen. Sie haben oben ein Bsp gebracht, in dem Sie Polizisten als »police officers« übersetzen und damit »policemen« vermieden haben. Gibt es im Englischen Bestrebungen, vermeintliche Gendergerechtigkeit dadurch zu erreichen, dass man Sonderzeichen in die Wörter einstreut? Bei uns zB Lehrer_Innen oder Lehrer*innen. Gibt es sowas im Englischen?

Vielen Dank und nichts für Ungut

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Sehr geehrter Gast,

zu meinem Entsetzen ist es schon fast 17:30 Uhr. Der Tag vergeht so schnell. Nun muss ich mich nun um meine Tochter kümmern. Die kleine Maus hat mich heute kaum gesehen. Ich antworte morgen.

Mit besten Grüßen
Peter Winslow

Zur Lektüre empfehle ich Fabian Payr, Von Menschen und Mensch*innen: 20 gute Gründe, mit dem Gendern aufzuhören, Springer, 2021, 19,99 EUR, ISBN-13: 978-3658331269

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Sehr geehrter Gast,

ich halte das Gendern für durchaus problematisch, wie oben bereits ausgeführt. Dennoch überwiegen – meiner Ansicht nach – die Vorteile. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Man kann gendern, oder auch nicht. I don't judge. Ich bin lediglich der Ansicht, dass uns das Gendern zwingt, anders zu denken und anders zu schreiben und somit besser, senisibler, mit unseren Mitmenschen umzugehen. Ich nehme die sprachlichen und typografischen Probleme des Genders in Kauf, um dieser Vorteile willen und nur in bestimmten Fällen.

Wenn ich etwa einen Text mit literarischem Anspruch schreiben/übersetzen wollte, so hätte ich ernsthafte Bedenken, die unter Umständen gegen das Gendern sprechen würden: Wortklang, Satzkadenz, Silbenrhytmus etc. Die meisten Texte, die man heutzutage schreiben muss, haben keinen literarischen Anspruch. Also ist das Gendern in zumindest in diesen Fällen nicht unbedingt unangebracht.

Hinzu kommt: Bis gestern hatte ich keine gute Argumentation gegen das Gendern gehört/gelesen. Auch die vorstehenden Argumentationen der anderen Kommenator:innen überzeugen m.E. wenig. Aber Ihr Satz 

Wenn Flugzeuge nur mit Frauen besetzt sind, ist das keine unbemannte Luftfahrt.

… dieser Satz haute mich um. Sie haben Recht. Alle Befürworter:innen des Genderns müssen eine angemessene Antwort auf ihn finden. Ich wünsche, ich hätte eine. Ich habe jedoch keine. Und das Finden einer Antwort wird sich wohl als schwierig erweisen.

Zu Ihrer Frage: Ich kenne keinen Versuch im Englischen, nicht alphabetische Zeichen in Wörter einbaut. Im Englischen wäre, vermute ich, diese Zeichen – mangels eines besseren Wortes – überflüssig. Viele Substantive sind ohne Weiteres genderneutral. Die, die nicht genderneutral sind, können ohne Weiteres umgeschrieben werden (chairman –> chairperson, policeman –> police officer und so weiter). Hinzu kommt (und etwas vereinfacht ausgedrückt): Anders als im Deutschen sind die Artikeln im Englischen (the, a, an) an sich genderneutral. 

Sehr geehrter Herr Winslow,

die bemannte Luftfahrt ist nur die Spitze des Eisbergs. Eine Frau kann ihren Mann stehen oder mannhaft reagieren. Es wäre falsch, "frauhaft" zu schreiben. Von "weibisch" oder "dämlich" (ja, das kommt von "Dame"!) ganz zu schweigen.

Das Opfer ist nicht sächlichen Geschlechts, die Geisel oder die Waise nicht notwendig weiblich. Und der Polizist ist nicht notwendig männlich. Beim Policeman mag es anders sein, aber Polizist ist so geschlechtsneutral wie Police Officer. Ja, es heißt "der Polizist". Das grammatische Geschlecht ist männlich. Das hat aber nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Es kann weibliche Polizisten (nicht aber männliche Polizistinnen) geben. Genauso, wie es weibliche Hunde und männliche Katzen gibt. Essbesteck hat zB gar kein biologisches Geschlecht und trotzdem mutet uns das Deutsche die Gabel, den Löffel und das Messer zu. Deutsch ist so unsexy, dass es sogar Geschlechtsorgane gibt, die das jeweils "falsche" grammatische Geschlecht haben: die Eichel, der Kitzler.

Es gibt Begriffe, die die Verwendung nur der grammatisch männlichen Form erlauben, aber alle Geschlechter meinen. zB "jeder, der ..." oder "wer ..., der". Man kann nicht sagen: "wer falsch parkt, die muss ein Bußgeld bezahlen". "Jedermann" ist nicht "jeder Mann", "man" ist nicht "Mann".

Die generische Wirkung des vermeintlichen Maskulinums wird besonders bei Komposita deutlich. Fußgängerüberwege sind nicht nur für Männer. Und sollen wir wirklich Bürgermeister gendern zu Bürger*innen:Meister_In? Wer es ernst meint, soll bitte auch konsequent sein...

Gendern ist nicht nur hässlich. Es ist überflüssig. Denn das Problem, das es lösen soll, besteht in Wahrheit nicht. Die generische Form meint alle Geschlechter gleichermaßen. Alle könnten sich gemeint fühlen. Wer ausschließlich über männliche Lehrer sprechen will, muss das sagen: "ausschließlich männliche Lehrer". Allerdings: das alles verstehen immer weniger Menschen. Gendern zerstört das Sprachverständnis dahingehend, dass die generische Form teilweise nicht mehr als solche erkannt wird. Dann werden wir wirklich nicht mehr ohne Gendern auskommen. Heroin funktioniert genauso.

Pessimistische Grüße!

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Tja Herr Peus, Herr Winslow meint das ernst mit dem Löschen unsachlicher Beiträge - und ich muss sagen, er hat Recht.

Auch ich möchte Ihnen, lieber Herr Winslow, ein Stück weit beipflichten. Es gibt Texte, in denen die generische Form weniger angemessen ist als in anderen. Kennen Sie Don Camillo? Der katholische Priester Don Camillo und der kommunistische Bürgermeister Peppone sind Freunde, aber politische Gegner im Italien der 50er Jahre. Predigten beginnen mit "meine Brüder!", Reden mit "Genossen!". So würde ich heute eine Rede nicht mehr anfangen. Natürlich kann man sagen "liebe Koleginnen und Kollegen".

Es gibt aber Texte, in denen Gendern einfach nur bescheuert ist. Z.B. Gesetze. Z.B. § 16 VIII des saarl. Datenschutzgesetzes: "Die oder der Landesbeauftragte für Datenschutz bestellt eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter zur Stellvertreterin oder zum Stellvertreter". Bei der Lektüre dieses Satzes denkt niemand: "oh, wie angemessen sind hier Frauen und Nichtbinäre angesprochen". Man denkt "verfluchte Pest, ich weiß doch, welche Geschlechter es gibt, warum werde ich in einem Satz drei Mal darüber belehrt - und was zum Geier steht inhaltlich in diesem Satz? - Mal sehn, erst mal den Schwachsinn rausstreichen, ah es geht um Stellvertreter". Was man früher schnell querlesen konnte, muss man heute Wort für Wort durchkauen.

Ich glaube wirklich nicht, dass man mit solchen Texten Frauen oder Nichtbinären einen Gefallen tut. Man sollte lieber Zwangsprostitution, Zwangsverheiratung, "Femizid", häusliche Gewalt und "Gender Pay Gap" bekämpfen, als solche Gesetze zu verfassen.

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@Herr Peus, evtl. ist Ihr Beitrag zu verklausuliert, um (überhaupt oder gar als sachlich) verstanden zu werden? Die einzige Deutungsmöglichkeit, die mir einfällt, wäre schon das Löschen wert...

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Sehr geehrter Herr Winslow,

Gendern kann man gut oder schlecht finden, aber wenn es nun mal getan wurde: wie übersetzt man es?

Angenommen, der ins Englische zu übersetzende Ausgangstext lautet

a) "Polizisten haben einen schweren Beruf" oder

b) "Polizist:Innen haben einen schweren Beruf".

Wie würden Sie das jeweils übersetzen?

Ich habe zwei Thesen dazu:

1. Es wäre falsch, in Satz a) "Policemen" zu schreiben, wenn und weil damit im Englischen nur Männer gemeint sind. Im Deutschen ist der Begriff (ohne zusätzliche Begriffe oder Kontext, die für eine rein männliche Gruppe sprechen) geschlechtsneutral. Richtig wäre also wohl "police officers".

2. Es wäre vielleicht nicht falsch, aber unzureichend, beide Sätze absolut gleich zu übersetzen. Denn wie Sie in Ihrem Ausgangsbeitrag erläutert haben, müssen auch rhetorische oder stilistische Kniffe soweit möglich übertragen werden. Nun können Sie nicht police:wo_men schreiben. Was würden Sie hier empfehlen? Eine erläuternde Fußnote? Würden Sie die dann bei jedem Auftreten eines Genderdoppelpunktes wiederholen?

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Sehr geehrter Gast,
sehr geehrter Gast,

Ich schulde mindestens vier Antworten. Erstens schulde ich eine Antwort auf den Hinweis, das grammatikalische Geschlecht habe nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Zweitens auf die Argumentation, das Gendern sei ein erfundenes Problem: »Die generische Form meint alle Geschlechter gleichermaßen« (eben da). Drittens auf die Argumentation, das Gendern sei bei bestimmten Textarten unangebracht. Und viertens auf eine Übersetzungsproblematik: Das Gendern könne unzureichend sein

1 Das grammatikalische Geschlecht habe nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun

Dieser Hinweis ist mir sympathisch. Er ist pointiert und scheinbar effektiv. Aber nur scheinbar effektiv. Befürwörter:innen des Genderns behaupten nicht, dass das Gendern mit dem biologischen Geschlecht allein zu tun habe. Sie behaupten, dass das Gendern auch mit dem Gender zu tun habe – daher sagt man nicht »geschlechtern«, sondern »gendern«. Der Rest dieser Antwort hängt mit der Antwort auf Zweitens zusammen.

2 Das Gendern sei ein erfundenes Problem

Hier scheiden sich die Geister. Auch diese Argumentation läuft auf eine Befüwortung des generischen Maskulinums hinaus. »Die generische Form meint alle Geschlechter gleichermaßen«, steht wörtlich. Meiner Ansicht nach wolle man sagen, der Inhalt zähle; man wisse, dass mit dem generischen Maskulinum auch Frauen und Nichtbinären gemeint seien: »Alle könnten sich gemeint fühlen«. steht wörtlich. Ja und Nein. Eine ernsthafte Debatte ist zu führen, ob der Inhalt von der Gestaltung des Inhalts zu trennen ist. Ich glaube nicht. Ich glaube, das Gendern ist ein Versuch den Inhalt durch die Sprache zu gestalten. Ich finde diesen Versuch aus verschiedenen Gründen problematisch, wie oben schon ausgeführt. Immerhin finde ich diesen Versuch einen Versuch wert. Aber hier werden wir diese Debatte weder führen noch beenden können.

Der Rest der Argumentation läuft auf eine Art Nirvana-Fehlschluss hinaus. Die deutsche Sprache sei »unsexy« – nicht mein Wort – und, wenn ich richtig verstehe, etwas widersprüchlich an sich. Aus diesem Umstand sei es lächerlich oder Zeitverschwendung oder unnütz oder unsinnig, eine gendergerechte Sprache anzustreben. Diese Argumentation ist m.E. eine sehr wichtige. Sie ist eine Fortführung der Argumentation, »Wenn Flugzeuge nur mit Frauen besetzt sind, ist das keine unbemannte Luftfahrt«. Letzte Woche hatte ich keine Antwort darauf. Heute habe ich eine.

Auf den ersten Blick ist diese Argumentation sehr überzeugend; sie hat mich auf den ersten Blick fast überzeugt. Aber nur auf den ersten Blick. Sie läuft darüber hinaus, dass das Fehlen einer perfekten Lösung bzw. eines perfekten Lösungsansatzes die Lächerlichkeit, die Zeitverschwendung, die Unnütizigkeit oder die Unsinnigkeit des Genderns zur Folge hätte. Befürwörter:innen des Genderns können dieser Argumentation in jeder Hinsicht bis zur Schlussfolgerung folgen und trotzdem Recht haben. Es gibt unperfekte Lösungen und Lösungsansätze, die trotzdem (auch unperfekte) Verbesserungen darstellen, die wünschenswerter sind als der Status quo. Nur weil die Lösung, der Lösungsansatz und/oder die Verbesserung nicht perfekt ist, heißt nicht, dass die Lösung, der Lösungsansatz und/oder die Verbesserung lächerlich oder Zeitverschwendung oder unnütz oder unsinnig ist.

Nehmen wir Arbeitsverträge als Beispiel. Heutzutage werden in vielen Arbeitsverträgen Arbeitnehmerinnen mit »der Arbeitnehmer«, also mit dem generischen Maskulinum, definiert. In denselben Arbeitsverträgen beharren Gesellschaften als »die Arbeitgeberin« definiert zu werden. Wenn Gesellschaften immer wieder als Arbeitgeberin definiert werden dürfen, so sollten auch Frauen immer wieder als Arbeitnehmerin definiert werden, auch wenn alle wissen, dass mit »Arbeitnehmer« eine bestimmte Frau mit einem bestimmten Wohnsitz gemeint ist. Hier wäre eine Gegenseitigkeit, das heißt, die Gestaltung des Inhalts durch die Sprache, nicht nur angebracht, sondern auch wünschenswerter als der Status quo, bei dem man nur auf den Inhalt beharrt. Hier wäre das Beharren auf das generische Maskulinum etwas unsinnig, wenn nicht gleich lächerlich. Dennoch gilt: Dies könnte man als unperfekte Lösung bzw. einen unperfekten Lösungsansatz ansehen.

Wie verhält es sich etwa bei biologischen Frauen, die sich als Männer identifizieren, oder bei biologischen Männern, die sich als Frauen identifizieren? Und ich höre die Frage: Was ist mit Menschen, die sich als »divers« identifizieren? Wie sollte man mit ihnen umgehen? Ich habe nicht alle Antworten. Grundsätzlich können Befürwörter:innen des Gendern gerne wollen, dass eine biologische Frau als »Arbeitnehmer« definiert wird, soweit die Frau biologisch eine Frau ist, aber sich als Mann identifiziert. Entsprechendes gilt für Männer, die sich als Frauen identifizieren. Aber wie gesagt: Ich habe nicht alle Antworten. Mein Nichtwissen ist kein Argument gegen das Gendern, erst Recht nicht für Sie. Wie sähe eine Antwort aus? Wir können damit anfangen, indem wir diese Menschen fragen, wie sie heißen möchten. Es ist wirklich nicht zu viel verlangt, dass wir aufeinander zugehen; versuchen, uns auf menschlicher Ebene zu verstehen. Der Wunsch, aufeinander zuzugehen, uns auf menschlicher Ebene zu verstehen, ist kein erfundenes Problem und sollte auch nicht als solches behandelt werden.

Hinzu kommt: Im Kommentar steht wörtlich: »Gendern zerstört das Sprachverständnis dahingehend, dass die generische Form teilweise nicht mehr als solche erkannt wird«. Die Antwort darauf ist: Ja, Gendern zerstört das Sprachverständnis des Status quo. Das, jedenfalls, die Störung dieses Verständnisses, ist Sinn und Zweck des Genderns. Dass man genau das bezweckt, was man bezwecken möchte, ist kein Argument gegen den Zweck, sondern eine Feststellung der Aussicht auf Erfolg. Vielleicht kommt es besser an, wenn man dies anders formuliert: Mit dem Gendern will man gendergerechter, sensibler, schreiben und sprechen. Das ist ein bescheidenes Ziel. Um so zu schreiben und zu sprechen, muss man das generische Maskulinum aufgeben, soweit diese Aufgabe angebracht ist. Aber wir haben einen weiten Weg vor uns, bevor eine grundsätzliche Aufgabe des generischen Maskulinums überhaupt in Frage kommt.

3 Das Gendern sei bei bestimmten Textarten unangebracht

Grundsätzlich habe ich nichts dagegen einzuwenden. Wir müssen zunächst Babyschritte machen.

4  Das Gendern könne unzureichend sein

Im Blogbeitrag habe ich meine Ansicht qualifiziert: »Übersetzer:innen sollten diese [= rhetorische Figuren] entweder in der Übersetzung selbst oder im Rahmen einer Anmerkung berücksichtigen, soweit diese Berücksichtigung notwendig oder sachdienlich ist«. —Soweit die Berücksichtigung notwendig oder sachdienlich ist. In der Praxis verlangt – meiner Efahrung nach – keine Übersetzung eine grunsätzlich eins-zu-eins-Wiedergabe der Orthographie des Ausgangstexts in den Zieltext (»police:wo_men« stellte so eine Umsetzung dar). Soweit man das deutsche Gendern auch im Rahmen einer Übersetzung ins Englische berücksichtigen muss und dies auch sachdienlich ist, so werde ich zunächst meine Empfehlung ganz allgemein halten müssen: Es kommt auf den Einzelfall an. Und ich weiß, wie unzufrieden diese Empfehlung wirken muss. Darin sehe ich aber auch etwas Hoffnung: Es kann noch Fälle geben, in denen man etwas Kreativität benötigt und kreative Lösungen angebracht sind. 

 

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