»Quaint red houses«: ein Leitsatz der Übersetzung

von Peter Winslow, veröffentlicht am 02.09.2021

Das erste Kapitel seines Buches The Man Who Was Thursday: A Nightmare (Der Mann, der Donnerstag war: eine Nachtmahr), 1908 erschienen, eröffnet G.K. Chesterton mit diesen Worten:*

The suburb of Saffron Park lay on the sunset side of London, as red and ragged as a cloud of sunset. It was built of a bright brick throughout; its sky-line was fantastic, and even its ground plan was wild. It had been the outburst of a speculative builder, faintly tinged with art, who called its architecture sometimes Elizabethan and sometimes Queen Anne, apparently under the impression that the two sovereigns were identical. It was described with some justice as an artistic colony, though it never in any definable way produced any art. But although its pretensions to be an intellectual centre were a little vague, its pretensions to be a pleasant place were quite indisputable. The stranger who looked for the first time at the quaint red houses could only think how very oddly shaped the people must be who could fit in to them.

Chesterton schreibt ein sehr schönes Englisch, zugleich bildhaft und energisch – kein Wunder also, dass es mindestens zwei deutsche Übersetzungen dieses Buches gibt, eine von Heinrich Lautensack, scheinbar 1910 erschienen, und eine von Bernhard Sengfelder, ca. sechzig Jahre später, 1971 erschienen.

Beide Übersetzungen habe ich noch nicht zu Ende gelesen. Ich bin gleich beim ersten Absatz des ersten Kapitels ins Stocken geraten. Die beiden Übersetzungen scheinen gute Übersetzungen des Inhalts zu sein. Daran möchte ich nicht zweifeln. Aber man liest Chesterton nicht wegen des Inhalts allein. Man liest Chesterton, weil er stilsicher und rhetorisch prägnant schreibt; weil man einem Geist gleichsam auf Sprach- und Entdeckungsreise folgen möchte, samt unerwarteten Wendungen – einem Geist, der nicht nur zum Haltmachen und zur Vorsicht mahnt, sondern sich auch eines guten Paradoxes erfreut.† Bei seiner Prosa stimmt zudem die Wortwahl mit dem Inhalt überein, »diction follows substance«, wie Herr Farnsworth irgendwo bemerkt. Trotz des Umstands, dass diese Übersetzungen gute Übersetzungen des Inhalts zu sein scheinen, enthalten diese eine merkwürdige Auffassung eines Adjektivs, die zum Übersetzungsproblem wächst.

Dieser Auffassung begegnen wir in den deutschen Übersetzungen des letzten Satzes des obigen Zitates: »The stranger who looked for the first time at the quaint red houses could only think how very oddly shaped the people must be who could fit in to them«. Dieser Satz ist nicht besonders schwierig. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, sich das Bild vorzustellen, das Chesterton durch diese Worte hervorrufen möchte. Aber auch dies ist nicht besonders schwierig. Fremden, die zum ersten Mal bestimmte sonderbare Häuser – mit fantastischer Silhouette, auf wildem Grundriss – sehen, wundern sich, wie sonderbar die Menschen aussehen müssten, die zu diesen Häusern nur passen könnten. Anhand der Worte kommt man dem Stoff näher. Diction follows substance.

Was könnte schief gehen? Und ich antworte … schauen wir uns die beiden deutschen Übersetzungen an. Die Übersetzung von Lautensack lautet wie folgt:

Der Fremde, der diese affektiert roten Häuser zum erstenmal sah, der dachte nur dieses: dass es schon ziemlich närrische Leut sein müßten, die es fertig brachten, da drinnen zu wohnen.

Die Übersetzung von Sengfelder lautet wie folgt:

Der Fremde, der zum ersten Mal die eigenartig roten Häuser sah, mußte unwillkürlich denken, was für seltsame Käuze doch die Leute sein möchten, die sich in ihnen wohl fühlten.

Was mich stört, ist nicht die Umständlichkeit, mit der Lautensack diesen Satz ins Deutsche überträgt; ist nicht das Wort »unwillkürlich«, das in Sengfelders Übersetzung vorkommt; ist nicht der Umstand, dass man anhand der Worte dem Stoff nicht wirklich näher kommt. Was mich stört, ist die Übersetzung des Adjektivs »quaint« jeweils mit einem Adverb – mit »affektiert«, mit »eigenartig«. Das Adjektiv mit einem Adverb zu übersetzen, ändert den ganzen Sinn des Satzes, der weder grammatikalisch noch faktisch zum Stoff passt.

Am Anfang schreibt Chesterton »bright brick«; im gegenständlichen Satz verrät er, dass die Backsteine rot sind. Diese sind vielleicht abendrote, wie im ersten Satz dieses Absatzes angedeutet, aber weder eigenartig rote noch affektiert rote Backsteine. Das Wort »quaint« ist nicht ein Adverb, sondern ein Adjektiv. Es bedeutet »attractively unusual or old-fashioned«. Wenn Chesterton eine eigenartige oder affektierte Farbe gemeint hätte, so hätte er etwa »quaintly red houses« geschrieben. Das hatte er aber nicht. Das fiele auch flach. Mir ist nicht klar, was dies überhaupt bedeutete. quaintly red? Der ganze Satz stimmte nicht mehr; die Betonung läge bei diesem Ausdruck auf »red«, nicht auf »quaint« und »houses«. Doch: Geschrieben hatte er »quaint red houses«. »Quaint« ist also nicht die Farbe rot; »quaint« sind die Häuser, die rot sind – deren Silhouette fantastisch, deren Grundriss wild ist. That is, the color of the houses is not attractively unusual; the houses are attractively unusual.

Diese Auslegung passt nicht nur grammatikalisch, sondern auch faktisch zum Stoff. Chestertons Saffron Park ist, so Matthew Beaumont, Herausgeber der Penguin-Classics-Ausgabe, »a barely disguised portrait of Bedford Park, close to Turnham Green in west London« (163). Und die Häuser des Bedford Parks bestanden im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert zum nicht unerheblichen Teil aus roten Backsteinen (siehe zum Beispiel die Wikipedia-Seite Bedford Park, London).

Was Lautensack und Sengfelder jeweils zum Adverb verleitete, kann man nicht sagen. Ohne weitere Informationen zu ihnen und ihren Übersetzungen wäre jede Aussage reine Spekulation. War den beiden nicht bewusst, dass Chesterton Bedford Park gut kannte und sogar seine Frau dort kennenlernte? Erkannten sie nicht, dass Chestertons Schilderung des Saffron Parks eine war, die damals in erkennbarer Weise auf Bedford Park zutrifft? (wie etwa hier behauptet wird). Wir wissen’s einfach nicht. Das ist auch irgendwie nebensächlich. Dennoch können wir sagen, dass diese Übersetzungen verbessert werden könnten. Auch können wir sagen, wie diese Verbesserungen vielleicht lauten könnten: »die affektierten, roten Häuser« oder »die eigenartigen, roten Häuser« oder »die ungewöhnlichen, roten Häuser« oder »die kuriosen, roten Häuser« oder … Meinem Sprachgefühl nach gehört ein Komma zwischen den Adjektiven, um die Betonung richtig wiederzugeben, nämlich: auf das erste Adjektiv und das Substantiv (I wouldn’t be willing to die on this hill, though). Die genaue Wortwahl und die genaue Kommasetzung hingen jeweils vom Ton der Übersetzung ab – vom Satzrhythmus, von der gewünschten Silbenzahl, von einer Unzahl weiterer Unwägbarkeiten. In jedem Fall wäre aber mindestens ein Leitsatz zu beachten.

Dieser Leitsatz ist der beck-community mehr oder minder bekannt. Er ist dreiteilig und gebietet, dass man (1) die wirkliche Absicht erforscht; (2) den grammatikalischen und buchstäblichen Sinn eines Ausdrucks feststellt; und (3) nicht an diesem Sinn haftet, soweit er in der Übersetzung zu einem Widerspruch mit der wirklichen Absicht oder zu Unsinn führt (vergleiche § 133 BGB). So könnte man diesen Leitsatz jedenfalls grob formulieren.‡

Wenn man diesen Leitsatz auf den gegenständlichen Fall von »quaint red houses« anwendet, stellt man anhand textlicher und außertextlicher Informationen fest, dass nicht die Farbe, sondern die Häuser »quaint« sind. Auf der textlichen Seite sind zwei Informationen zu berücksichtigen. Erstens: Am Anfang des Absatzes schreibt Chesterton, der Vorort Saffron Park lege »auf der abendroten Seite von London« und dass er »so rot und zerflattert wie eine Wolke im Abendrot« sei (meine Übersetzung). Zweitens: Die Grammatik des Ausdrucks »quaint red houses«, bestehend aus zwei Adjektiven und einem Substantiv, entspricht genau der ersten Information. Auf der außertextlichen Seite sind ebenfalls mindestens zwei Informationen zu berücksichtigen. Erstens: Wir wissen, dass Saffron Park »a barely disguised portrait of Bedford Park« sei. Zweitens: Die Häuser des Bedford Parks bestanden damals überwiegend aus roten Backsteinen.

Keine dieser Informationen steht im Widerspruch zu der wirklichen Absicht. Im Gegenteil: Bei der Beschreibung von Saffron Park hatte Chesterton Bedford Park vor Augen. Er scheint keinen Hehl daraus gemacht zu haben. All diese Informationen sprechen für eine gleichsam einfache Auslegung dahingehend, dass der Ausdruck nicht aus einem Adverb, einem Adjektiv und einem Substantiv, sondern aus zwei Adjektiven und einem Substantiv besteht.

Was hat das alles mit der juristischen Fachübersetzung zu tun?

Einerseits ergibt sich aus diesen Ausführungen ein Praxistipp, nämlich: Wenn ein Ausdruck Schwierigkeiten macht, sollte man zunächst versuchen, ihn wörtlich zu übersetzen. Dieser wörtliche Übersetzungsversuch führt zwar nicht unbedingt zu einer richtigen und vollständigen Lösung, aber er könnte helfen, die Schwierigkeit grammatikalisch oder logisch oder anderweitig zu veranschaulichen. Und mit einiger Wahrscheinlichkeit führt diese Veranschaulichung – vielleicht direkt, vielleicht indirekt, vielleicht höchst umständlich – zu einer richtigen und vollständigen Lösung. —Im gegenständlichen Fall der »quaint red houses« führt der wörtliche Übersetzungsversuch direkt zu einer richtigen und vollständigen Lösung, jedenfalls zu einem Übersetzungsansatz, der wiederum zu dieser Lösung führt – unterstützt durch weitere textlichen und außertextlichen Informationen.

Andererseits gilt meiner Erfahrung nach: Wenn eine juristische Fachübersetzung mangelhaft ist, ist sie in vielen, nicht in allen, Fällen mangelhaft, weil dieser Leitsatz nicht beachtet wurde. Mein Lieblingsbeispiel hier ist die Standardklausel »der Vertrag verlängert sich automatisch jeweils um ein Jahr«, die ab und an mit »the contract is automatically extended respectively by one year« übersetzt wird. Bei diesem Beispiel ist klar, dass unter anderem an dem grammatikalischen Sinn des Ausdrucks »jeweils um ein Jahr« gehaftet wurde. Der englische Text ist aber unsinnig, er ist zumindest weder grammatikalisch richtig noch logisch stichhaltig. Einfach und gut ist »for successive one-year periods«. Also: Wenn Ihnen eine mangelhafte Übersetzung auf dem Tisch landet, stellen Sie mal fest, ob an dem grammatikalischen oder buchstäblichen Sinn eines Ausdrucks gehaftet wurde und ob dieses Haften zu einem Widerspruch mit der wirklichen Absicht oder zu Unsinn führt.

Endnoten

 * Das Wort »Nachtmahr« ist keine Fehlübersetzung des Wortes »nightmare«. Eine Nachtmahr ist eine »Bezeichnung für ein Fantasie- und Sagenwesen, das […] in der Nacht auf Menschen lastet und ihnen Grauen einflößt«. Im Englischen heißt dieses Wesen »mare« (daher kommt auch das englische Wort »nightmare«). Und mit einiger Wahrscheinlichkeit hatte Chesterton eine Nachtmahr in diesem Sinne (so könnte man jedenfalls Seite xix von Matthew Beaumonts Einleitung zu der Penguin-Classics-Ausgabe von The Man Who Was Thursday: A Nightmare auslegen). Dort zitiert Beaumont aus einem Aufsatz von Chesterton mit dem Titel »The Nightmare«: »I will ride on the Nightmare; but she shall not ride on me«. —So hat auch Heinrich Lautensack den Untertitel übersetzt. Siehe das Literaturverzeichnis unten.

 † Meinem Wissen nach herrscht eine Kontroverse, ob Chesterton in manchen Schriften antisemitische Ideen hegte. Zu dieser Kontroverse habe ich zwar noch keine Meinung bilden können, aber ich habe auch weder alles von ihm noch alles zu dieser Kontroverse gelesen. Dennoch: Nichts, was ich bisher gelesen habe, enthält antisemitische Ideen. Ich erwähne diese Kontroverse lediglich als Warnung. Chesterton, wie viele große Schriftsteller:innen auch, ist mit etwas Vorsicht zu genießen. Bewunderung und Genuss sollten uns nicht unaufmerksam oder gar denkfaul machen.

 ‡ Diese Formulierung des Leitsatzes gilt nur, soweit der ausgangstextliche Ausdruck selbst nicht Unsinn darstellt. Aber diese Ausnahme bzw. dieser Vorbehalt ist ein Thema, dessen Behandlung den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde.

Literaturverzeichnis

Chesterton, G.K. The Man Who Was Thursday: A Nightmare. Herausgegeben von Matthew Beaumont. London: Penguin Classics, 2011.

———Der Mann, der Donnerstag war: Eine Nachtmahr. Übersetzt von Heinrich Lautensack Hamburg: tredition classics, 2012.

———Der Mann der Donnerstag war: eine phantastische Geschichte. Übersetzt von Bernhard Sengfelder München: Knaur, 1971.

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